Samstag, 24. Juni 2017

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Fotoprojekt Was von Quelle übrig blieb

Vor 30 Jahren posierte Stefan Koch, damals zwei Jahre alt, für den Hauptkatalog von Quelle. Später bebilderte er selbst sieben Jahre lang Quelle-Kataloge. Jetzt dokumentiert der Fotograf, was von dem abgewickelten Traditionskonzern übrig blieb: Menschen, Räume, Geschichten.

Hamburg - Der Gummibaum hat nur noch wenige Blätter, und auch die werden schon gelb. Eine Blümchengirlande windet sich um einen Pfeiler, auf dem Boden steht noch ein Telefon, der Schreibtisch ist bereits weg. An der Wand ein Plakat aus besseren Zeiten, als der Versandkonzern Quelle die ganze Republik belieferte.

Es sind die traurigen Reste eines ganz normalen Bürolebens, das aus diesen Räumen längst gewichen ist.

82 Jahre lang war Quelle in Deutschland der Inbegriff von Konsumverheißung, in fast jedem Haushalt lag irgendwo mindestens ein Quelle-Katalog herum. Und dann war Schluss. Vor zwei Jahren war der Versandhandel pleite und wurde abgewickelt. Die Namensrechte kaufte die Otto-Gruppe auf, die nun mit einer kleinen Mannschaft unter dem Namen Quelle.de ein Handelsportal betreibt. Übrig blieben riesige Versandzentren, Fluchten von Büros, leere Kaufhäuser. Und verdurstende Gummibäume.

Was bleibt, wenn von einem Unternehmen nichts mehr bleibt? Dieser Frage ist der Fotograf Stefan Koch nachgegangen. Die Leidenschaft, mit der er sein Projekt verfolgt, speist sich auch aus einer Biografie - als zweijähriger "Zwetschger", so nennt man in Nürnberg niedliche kleine Jungen, hatte Koch auf einem Riesenkuscheltier für den Quelle-Katalog posiert. Später wurde er Werbefotograf, lebte in Fürth und machte sieben Jahre lang für Quelle-Kataloge Bilder. Und nun findet er als Dokumentar und Künstler in den traurigen Resten des Versandhauses berührende Motive und Geschichten.

Seine Bilder wurden bei einer Portfoliosichtung des Freundeskreises des renommierten Hamburger Hauses der Photographie jüngst als bestes Portfolio ausgezeichnet und sind nun ab Sonnabend bis zum 25. Oktober in Hamburg zu sehen. "Vom Verschwinden eines deutschen Traditionskonzerns" hat Koch sein Projekt genannt. Er porträtiert Menschen, Räume, Dinge. Die Menschen schauen ernst, die wenigen noch vorhandenen Dinge wirken verloren: Hier ist kein Leben mehr, und hier wird auch keines mehr einkehren. Alles ist Vergangenheit.

Die Mitarbeiter durften ihre jahrelang gehegten Pflanzen nicht mitnehmen

Ein Bild zeigt eine große rote Fläche - nur ein winziges Preisschild, mehrmals nach unten korrigiert, erzählt die ganze Geschichte: Das ehemalige Quelle-Kaufhaus wurde nach der Pleite komplett leergeräumt. Die Schnäppchenjäger hatten sich gierig auf die günstigen Reste gestürzt. Berührend sind auch die Aufnahmen aus den geräumten Büros: Hier noch ein paar leere Stühle, dort ein riesiger Wandkalender, auf dem mit farbigen Papierstreifen die vielen Katalog-Fototermine und die freien Kapazitäten der verschiedenen Studios koordiniert wurden. Der Termindruck ist Geschichte, die Zeit ist in diesem Zimmer stehen geblieben.

Es sei nicht leicht gewesen, Zugang zu diesen Räumen zu bekommen, erzählt Stefan Koch. Kein Immobilienverwalter sieht es gerne, dass die Objekte, die er noch an den Mann bringen möchte, vor großem Publikum die ganze Wucht melancholischer Tristesse verströmen. Durch Kontakte zu ehemaligen Quelle-Mitarbeitern kam Koch dann doch an seine Motive - und auf die Idee, auch die Geschichten dieser Menschen zu dokumentieren. Viele waren Jahrzehnte lang für Quelle tätig, manche Familien waren seit Generationen dort beschäftigt. Etliche hatten die Anlagen selbst mit aufgebaut, die sie nun demontieren mussten.

"Die Berichterstattung im manager magazin war ein großer Teil meiner Recherche", erzählt Koch. "Ein Artikel aus dem September 2007 zeichnete im Grunde schon die ganze Entwicklung ab, die sich später mit Quelle vollziehen sollte."

Im April 2010 begann Koch seine fotografische Spurensuche und bekam von den Mitarbeitern Geschichten zu hören, die ihm ans Herz griffen: Manche durften nach der Abwicklung noch nicht einmal ihre jahrelang gehegten Büropflanzen mit nach Hause nehmen, weil der Blumentopf zur Insolvenzmasse gehörte. In einer Serie mit Portraitbildern und Interviews setzt Koch sein Fotoprojekt fort, das auch in Nürnberg gezeigt werden soll.

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