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04.02.2011
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Gerhard Richter
Die Unschärfe einer Epoche

Von Maren Hoffmann

Mit seinen verwischten Gemälden nach Fotovorlagen schuf Gerhard Richter Ikonen der Gegenwart. Jetzt versammelt eine Ausstellung in Hamburg die wichtigsten Werke dieser Schaffensphase des bedeutendsten lebenden Malers. Auch der umstrittene Stammheim-Zyklus ist nach Deutschland zurückgekehrt.

Hamburg - Viele von Gerhard Richters Bildern nach fotografischen Vorlagen haben sich längst in das kollektive Gedächtnis gebrannt. Der Düsenjäger, der vor einigen Jahren Auktionsrekorde brach, die schwarzweiße Sekretärin, das Aktgemälde Ema - man erkennt diese Bilder, obwohl sie sich dem Blick selbst entziehen, sich ins Unbestimmte vortasten und auf dem Weg zur Bedeutungstiefe vieles an Information abgestreift haben.

Jetzt zeigt eine spannende Ausstellung unter dem Titel "Gerhard Richter. Bilder einer Epoche" im Hamburger Bucerius Kunst Forum Richters Suche nach der Tiefe hinter dem nur scheinbar Trivialen. Anfang der 1960er Jahre begann Richter, mit fotografischen Vorlagen zu experimentieren, Bilder abzumalen, zu verfremden, zu verwischen. Die Schau zeichnet diesen Prozess nach, der sich aus unterschiedlichsten Quellen speiste.

So griff Richter Ideen anderer Künstler kommentierend auf - wie Marcel Duchamps provokantes Fundobjekt "Fountain", einem Pissoir. Richter, der die Malerei in den Zeiten ihres scheinbaren Niedergangs hochhielt, griff zum Pinsel und malte eine Toilettenpapierrolle in klassischem Duktus, ästhetisierend verfremdet durch den Weichzeichner der Verwischung.

Ähnlich ging er beim Bild eines Küchenstuhls vor, dem klar erkennbar Joseph Beuys' Motiv des Fettstuhls zugrunde liegt, oder beim farbigen Aktgemälde "Ema (Akt auf einer Treppe)", das Duchamps verfremdete Abstraktion dieses Motiv in die klassische Malerei heimholte - so entstand eines schönsten und berührendsten Bilder der Gegenwartskunst, dem man seine Geburt aus dem Geiste der Ironie nicht ansieht. Richter wagte dieses Bild in einer Epoche, die der reinen Schönheit in der Kunst mit tiefem Misstrauen begegnete.

Kronleuchter, schnelle Autos und namenlose Gesichter

Die Vielfalt der Motive und ihrer Bearbeitung zeigt, dass Richter der Ansicht war, in der Kunst könne man durch das Motiv als solches kürzen, weil sich erst durch den Akt des Malens Bedeutung bilde. Eine Toilettenpapierrolle, Mordopfer, Verbrecher, ein von einem Eisblock erschlagener Mann, Kronleuchter, schnelle Autos, ein Transvestit, namenlose Gesichter oder Portraits bekannter Personen und Künstlerkollegen - es fällt schwer, hier eine verbindende Klammer zu sehen, die über die Art der Bearbeitung dieser Motive hinausginge.

Aber alle diese Bilder eint die Suche nach der Tiefe im Vagen, dem Tasten im Raum des nicht mehr deutlich Erkennbaren. Mit der Verwischung der Bilder streifte Richter überflüssige Informationen ab und ließ die Wahrnehmung des Betrachters von der Leine - das wird deutlich in Gemälden wie der "Frau mit Schirm", einer bewussten Anonymisierung: Die Vorlage aus einer Illustrierten zeigte Jackie Kennedy. Der Verlust an Inhalt wird zum Erkenntnisgewinn, die Bilder gewinnen an Allgemeingültigkeit - in einem unscharfen Bild könne man viel mehr sehen als in einem scharfen, fand Richter.

Ende der 1960er Jahre begann Richter, sich anderen malerischen Ausdrucksformen zuzuwenden. Wie sehr aber seine Art, Fotos als Ausgangspunkt künstlerischen Schaffens zu machen, wie sehr seine Technik der Verwischung als eine neue Weise der Wahrnehmung jüngere Künstler prägte, zeigt eine korrespondierende Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle.

Rückkehr zur Schwarzweißmalerei

1988 kehrte Richter noch einmal zu den Schwarzweißbildern und ihrer künstlerischen Verfremdung durch die Malerei zurück. Sein Zyklus "18. Oktober 1977", der den Tod der in Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder anhand von Bildern aus Zeitschriftenarchiven aufgriff, war eines seiner umstrittensten Werke. Richter wurde zum Vorwurf gemacht, mit den Tätern mehr zu sympathisieren als mit den Opfern des Terrorismus.

Heute gehören die Bilder, die nun als Leihgabe in Hamburg zu sehen sind, zum Bestand des Museum of Modern Art nach New York. Fragen nach der politischen Aussage oder der geschichtlichen Wahrheit fand Richter angeblich uninteressant. Der Zyklus zeige "Trauer um Menschen, die jung gestorben sind, für nichts", fasste er einmal zusammen.

Die verwischten Bilder von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Holger Meins tragen keine Namen: Sie heißen "Erschossener", "Erhängte", "Tote". Die Abkehr vom Inhaltlichen ist in diesem mächtigen Spätwerk nur noch eine trotzige Geste. Jeder weiß, wer die Dargestellten sind. Jeder weiß, worum es geht. Aber die Art der Darstellung, zart, verwischt, oft zurückhaltend, schafft Nähe und Verunsicherung zugleich, zwingt den Betrachter, zwischen dem Gewohnten und Gewussten und dem neu Erlebten zu oszillieren. Insofern reiht sich auch dieser Zyklus in den Duktus der früheren Foto-Bilder ein: Als ästhetisierender Bruch mit den Regeln der eigenen Wahrnehmung.

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