Freitag, 14. Dezember 2018

Wild aus Neuseeland Kapitale Exportware

Neuseeland: Hirsche für Deutschland
Edgar Rodtmann

2. Teil: Aus der Plage wurde ein Spitzenprodukt

Höchste Zeit, das Reich der toten Tiere zu verlassen. Ein Abstecher auf die Mount Peel Station von John Acland steht an, eine der größten Hochland-Farmen auf der Südinsel. Schon die Fahrt dorthin ist ein Erlebnis. Das Flachland erhebt sich zur bergigen Szenerie. Hier, am Rande der Southern Alps, tut sich eine Urwelt ohne Zäune, Strommasten oder andere hässliche Spuren von Zivilisation auf. Stattdessen ein paar Seen, die in psychedelischen Farben schimmern.

Zum Beispiel der Lake Tekapo - ein türkisfarbener Tintenklecks, grell wie ein nächtlich illuminierter Pool. Hinter einem kleinen, verwunschenen Wald geht das Staunen weiter. Hinter Zedern, Douglasien, knorrigen Eichen und riesigen Rhododendren tut sich plötzlich ein Stück altes Europa auf: ein parkähnlicher Garten, am ehesten England, Mitte 19. Jahrhundert. Darin eine Villa im viktorianischen Stil. Schwimmbad, Tennisplatz, Liegestühle und, als Wachhund, eine harmlos wirkende Ziege vor einer Hundehütte. Einen Bauernhof stellt man sich anders vor.

Hier lebt John Acland, Farmer in der fünften Generation, Ende 40, äußerlich mehr Landadeliger als Landwirt. Very british, so der erste Eindruck - bis er mit breitem Kiwi-Akzent bei einer Tasse Kaffee von den Anfängen des Hofs erzählt. Wie sein Ururgroßvater 1856 mit Schaf- und Rinderzucht den Grundstein für die damals 100.000 Morgen große Farm legte. Die Hirsche kamen erst viel später dazu. Ursprünglich sei das Rotwild Ende des 19. Jahrhunderts zum reinen Jagdvergnügen der britischen Einwanderer aus der alten Heimat geholt worden.

Ein Fehler: In den entlegenen Regionen Neuseelands vermehrten sie sich ohne natürliche Feinde so stark, dass sie zur Plage wurden. Der Verbiss der Tiere zerstörte die Wälder, die Flurschäden waren so immens, dass die Regierung Jäger engagierte und eine Prämie für jeden abgeschnittenen Schwanz zahlte. "Übrigens: Ein kleiner Teil des erlegten Wilds wurde schon damals auf den deutschen Markt gebracht. Als "Hirschfleisch aus dem Schwarzwald", verrät Acland.

Gras-Diät statt Antibiotika

Doch erst später, nach dem Einbruch des Schaffleischmarktes, kamen in den 1970er-Jahren ein paar gewitzte Farmer auf die Idee, wilde Tiere zu fangen, um Hirsche für den Export zu züchten. Mit seinen weiten Grasflächen ist das Land ideal für artgerechte Haltung; und ihrer Isolation verdankt die pazifische Doppelinsel, dass sie von vielen Schädlingen und Viehseuchen verschont geblieben ist. Aus der einstigen Hirschplage ist so ein neuseeländisches Spitzenprodukt geworden: zartes, mageres Gourmetfleisch mit einem unverwechselbar milden Geschmack.

Um zu zeigen, wie seine Herden leben, startet Acland seinen Fourwheel-Pick-up. Die Fahrt führt steil bergauf, auf die Rückflanken der Southern Alps. Hier oben liegen seine schönsten Weiden. Die Hirsche fühlen sich wohl inmitten der alpinen Kulisse. Sie leben auf riesigen eingezäunten Arealen mit viel Bewegungsfreiheit und einem natürlichen Futterangebot.

Wegen dieser ständigen "Gras-Diät" brauchen die Farmer den Tieren weder Getreide noch Kraftfutter zu geben, auch Hormone und Antibiotika kommen nicht zum Einsatz. Kost und Bewegung sorgen für einen niedrigen Fettgehalt und einen hohen Muskelanteil - ein weiterer Grund für die Qualität des Fleisches. Zudem wird das Wild in Neuseeland nicht wie in Europa im Herbst, also in der Jagdsaison, geschlachtet.

"No way!", empört sich Acland. Dann sei doch Brunst und jeder Bock randvoll mit Testosteron. Und das schmecke man: "Yak, tastes terrible", sagt John Acland zum Abschied und schüttelt sich, auch er ein Werbebotschafter für das Fleisch seiner Heimat. Wie es scheint, aus echter Überzeugung. Oder vielleicht doch auch, weil die Branche ein wenig positive PR nötig hat? Die Zahl neuseeländischer Hirschfarmer ist in den vergangenen Jahren von 4500 auf 3000 gesunken. Ein Drittel gab auf, weil die Preise zu stark schwankten oder zu niedrig waren und zeitweise einfach zu viel Neuseeland-Wild auf den Weltmarkt kam.

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