Mittwoch, 19. Dezember 2018

Leysieffer "Wer zu uns kommt, will sündigen"

Die Marmelade kocht in Kupferkesseln über offenen Feuern, die Pralinen werden handverziert, und der Chef betreibt Marktforschung im kleinsten Kreis. Das Schokoimperium Leysieffer setzt konsequent aufs Edelsegment und familiären Zusammenhalt. Und manchen Kunden kann es kaum bitter genug sein.

Osnabrück - Marktforschung kann manchmal sehr einfach sein. Schokoladenfabrikant Axel Leysieffer entdeckte im Gespräch mit dem Oberbürgermeister von Osnabrück eine neue Zielgruppe. Dem Stadtoberhaupt konnte es nicht bitter genug sein, und Leysieffer ging mutig in die Vollen: Er kreierte eine Sorte mit gewagten 99 Prozent Kakaoanteil.

Deren Geschmack ist, um es vorsichtig auszudrücken, nun ja: interessant. "Meine Welt ist das auch nicht", gibt Juniorchef Jan Leysieffer freimütig zu. Aber die "99er" verkauft sich schon seit einigen Jahren überraschend gut, ein Dauerbrenner. Wie auch die Schokoladen mit eigenartigen Zutaten in den 18 Confiserien und sechs Bistros, die Leysieffer bundesweit betreibt, sowie bei den belieferten Feinkosthändlern gerne gekauft werden. Dass die Preise mit rund vier Euro locker beim Drei- bis Fünffachen einer normalen Tafel aus dem Supermarkt liegen, stört die Kunden nicht.

Bestseller ist seit Jahren die vielfach kopierte Chilli-Schokolade - sie macht fast ein Zehntel der rund eine Million verkauften Tafeln im Jahr aus. Die Sorten mit Rosenöl, Kardamom, Pfeffer, Salbei oder Meersalz sind zwar eher etwas für Liebhaber, aber Ingwerschokolade, die es schon lange gibt, erlebt derzeit einen überraschenden Boom.

Woran das liegt, weiß Leysieffer nicht. Er denkt kurz nach: Vielleicht der Gesundheitstrend? Oder die Tatsache, dass Ingwer in der Küche derzeit en vogue ist? Er zuckt die Achseln. Es ist ihm auch nicht wichtig, warum es so ist. Hauptsache, es funktioniert. Neue Ideen für Schokoladen und Pralinen entwickelt er meist mit seinem Vater zusammen - "einer von uns hat einen Geistesblitz, und dann kann es ratzfatz gehen; aber manchmal dauert es auch Wochen."

Badenixen für Sylt, Brezeln für München

Dann probiert Leysieffer gemeinsam mit den anderen Konditoren aus, "noch und nöcher", wie man die Idee umsetzen könnte - etwa die zu der jüngsten Erfindung, feinste, betörend schokoladig duftende und intensiv aromatische Pralinen mit einer sehr dunklen Umhüllung mit 85-prozentigem Kakaoanteil. Was gut ist, beurteilt die Familie selbst.

"Wir haben intern mal alle Filialleitungen zum Testen eingeladen", erzählt Leysieffer, "das machen wir nicht mehr. Das waren zu viele Meinungen." Der Firmenchef der vierten Generation pflegt einen eher lässigen Auftritt: In einem karierten Hemd, dezente erdbeersahne- und nougatfarbige Streifen auf weißem Grund, unterm Hemdkragen sieht man das T-Shirt, auf seinem Parkplatz steht ein dunkler Geländewagen. "Konditormeister" steht noch vor "Geschäftsführender Gesellschafter" auf seiner Visitenkarte. Studiert hat er nicht, das Handwerk und das Geschäftliche beim Vater gelernt. "Ich wollte nie etwas anderes machen."

Das Kerngeschäft der Osnabrücker Traditionsfirma sind seit 60 Jahren die "Himmlischen", eine schlichte, recht süße Praline, die die "Zeit" einmal als "sahnig-zuckrigen Retrohappen" apostrophierte. Alle Pralinen werden von Hand verziert und verpackt; mit winzigen Spritztüllen versieht ein Mitarbeiter die dunklen Kuben mit weißen Schnörkeln. Und an einem Extratisch sitzen zwei Frauen, die aus Marzipan kleine Elefanten, Schildkröten und Mäuse formen. Für die Sylter Klientel werden hier niedliche nackte Badenixen hergestellt, die Münchener Geschäfte werden mit süßen Brezeln beliefert.

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