Samstag, 20. Oktober 2018

Luxusuhren Haute Horlogerie aus Hamburg

Muss eine Luxusuhr ein großes Label tragen? Andreas Hentschel glaubt nicht daran. Der Edeluhrmacher aus Hamburg-Eppendorf etabliert sich gerade an der Spitze der feinsten Uhrenmanufakturen Deutschlands. Sein neuester Coup: Die Uhr zur Hansestadt.  

Hamburg - Zum Bentley 4,5l fehlt Ole Gutholf noch die passende Armbanduhr. Das Automobil ist ein Klassiker, ein Schmuckstück anno 1928, von dem überhaupt nur ein paar Hundert gebaut wurden - da will der Reeder aus der Nähe Hamburgs, der seinen wirklichen Namen hier nicht lesen möchte, auch am Chronometer nicht sparen. 50.000 Euro sind für das Unikat zunächst mal avisiert. Wenn die Uhr in den kommenden Wochen Gestalt annimmt, wenn das Design stimmt, Materialien ausgesucht und Teile gefunden sind, kann durchaus mehr daraus werden. Es liegt in den Händen von Andreas Hentschel, Edeluhrmacher aus Hamburg. Er soll Gutholf seine Bentley-Uhr bauen.

Hentschel, 45, dunkles Hemd, beige Hose, braune Schuhe, steht im Verkaufsraum seiner Uhrmacherei in einer Seitenstraße von Hamburg-Eppendorf und kann nicht aufhören, zu reden. Von erfolgreichen Menschen, die angekommen sind in ihrem Leben. Von Luxusuhren, mit denen sich diese Menschen belohnen. Und von einer Industrie, die mit diesen Menschen und diesen Uhren viel Geld verdient - mit zum Teil überraschend geringem Aufwand.

Vor allem aber redet Hentschel über seine Rolle in diesem Markt. "Wir versuchen Deutschlands feinste Uhrenmanufaktur zu werden", sagt er. "Und inzwischen sieht es so aus, als könnten wir das schaffen."

Inzwischen, das heißt 20 Jahre nachdem Hentschel erstmals den Gedanken hatte, hochwertige, handgearbeitete Armbanduhren zu einem bezahlbaren Preis anzubieten. Neun entbehrungsreiche Jahre später verkaufte er sein erstes Exemplar. Mittlerweile sind wohl 1000 hinzugekommen. Jedes Jahr gehen 170 Uhren aus eigener Produktion über den Ladentisch. Für eine echte Hentschel müssen Käufer derzeit etwa sechs Monate Wartezeit erdulden. Und mindestens 5000 Euro berappen. "Bezahlbarer Luxus", nennt dies der Firmenchef, der mit seinem Geschäft an die fast vergessene, 200 Jahre alte Hamburger Uhrmachertradition anknüpft.

Geschafft hat Hentschel das alles ohne "das übliche Programm", wie er sagt. Ohne Werbung also, ohne PR-Beratung und ohne umfangreichen Vertriebsapparat.

Hentschel setzt vielmehr auf das genaue Gegenteil. Der individuelle Kundenservice ist wichtiger Teil seines Konzepts - und vermutlich auch seines Erfolgs. Verkauft wird fast ausschließlich am Sitz in Hamburg-Eppendorf. Welches Modell passt zum Kunden? Welche Materialien belieben? Welche Farben werden präferiert? Hentschel und seine vier Uhrmacher beraten im doppelten Sinne persönlich.

Sind sie dabei erfolgreich, geht es ins Allerheiligste der Hentschel'schen Welt: die Uhrmacherei. Und dort tritt zutage, was den größten Unterschied zwischen einer Hentschel und dem Gros aller Luxuschronometer anderen Fabrikats ausmacht. "In mindestens 90 Prozent aller Luxusuhren stecken heute maschinengefertigte Uhrwerke, wie sie in jeder handelsüblichen Uhr verbaut werden", erläutert Hentschel. "Am Markt dominieren im Wesentlichen vier Werke, vieles kommt aus dem Hause Swatch."

Seite 1 von 2

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH