Samstag, 15. Dezember 2018

Kleinbrauer Italiens Bierpionier

Bier aus dem Piemont: Teo Mussos Kultbiere
Dave Yoder

Reinheitsgebot? Mitnichten. In seine Gerstensäfte mischt der Piemonteser Kleinbrauer Teo Musso Kaffee, Koriander und Orangenschalen. Die Trendgetränke schmecken auch zu kreativer Küche köstlich.

Piozzo - Teo Musso war 22, als er in seinem Heimatdorf Piozzo im italienischen Piemont die "Birreria Baladin" eröffnete. Ein Bauernsohn, aber einer der coolen Art, der sich schon damals mehr für extravagante Musikanlagen interessierte als für die Weinberge seines Vaters. Dabei ist Piozzo kein Ort, an dem man Extravaganzen erwartet: Das 800-Einwohner-Dorf liegt im Süden Piemonts; die Trüffelstadt Alba und die Weinhochburg Barolo mit ihren Gourmettouristen sind weit weg. In Piozzo gibt es keinen Bahnhof und keinen Supermarkt, aber eine Grundschule, eine Apotheke, eine Bank, elf Kirchen und eine malerische Piazza.

Was hier 1986 mehr oder weniger als Traumtänzerei begonnen hat, ist seither zu einem Unternehmen mit 90 Mitarbeitern und Geschäftsverbindungen nach Spanien, in die USA, nach Japan oder Australien geworden. Denn Teo Musso produziert und verkauft inzwischen sein eigenes Bier, rund 20 verschiedene Sorten, insgesamt 5000 Hektoliter im Jahr.

Bier aus Italien? Der Gründer, Inhaber und kreative Kopf des "Birrificio Baladin" lacht: "Ich habe schon mit 15 gerne Bier getrunken", erzählt er, "und weil es vor 30 Jahren in Italien nichts Anständiges gab, begann ich, Bier in Belgien und England zu bestellen." Mit der Eröffnung des Bierpubs bekam das Ganze einen professionellen Rahmen, bereits Ende der 80er Jahre standen dort 200 Sorten auf der Karte. Doch damit nicht genug: Teo Musso interessierte sich auch für die Herstellung des Biers. 1994 fuhr er nach Belgien, um in den Brauereien Erfahrungen zu sammeln, schon ein Jahr später stellte er eine selbst gebaute Produktionsanlage in den Hinterraum der "Birreria Baladin".

"Damals haben mich alle für verrückt erklärt", erzählt er, "denn ich wollte nicht einfach nur Bier machen. Ich wollte Bier für die Gastronomie brauen, und zwar für die Toplokale." Heute steht sein Bier auf den Getränkekarten besternter Restaurants von "Cracco" in Mailand bis "Don Alfonso" in Sant'Agata sui Due Golfi bei Sorrent. Der 46-Jährige gilt als Pionier und Star der boomenden italienischen Mikrobrauereienszene. "Es gibt mittlerweile gut 300 davon", sagt er, "fast jede Woche macht irgendwo eine neue auf."

Bierbrauen und Biertrinken ist ein neuer Trend in Italien

Dabei sind die Italiener keine großen Biertrinker. Mit nicht einmal 30 Litern pro Kopf und Jahr liegen sie nur knapp vor den Griechen, die in der europäischen Statistik das Schlusslicht bilden. Vergleicht man sie mit den Bayern, die im Jahr gut 150 Liter pro Person trinken (gesamtdeutscher Durchschnitt: rund 110 Liter), ist das bescheiden. Doch die Vielfalt italienischer Biersorten ist etwas Besonderes. "Bierbrauen und Biertrinken, das ist in Italien ein Trend geworden", sagt Teo Musso, "und es ist einfach so, dass wir Qualität schätzen, ganz besonders in der Gastronomie."

Die italienischen Brauer folgen dem weltweiten Trend hin zu kleinen, auf besondere Sorten spezialisierten Brauereien, deren Bier in Restaurants in den USA und Australien zum Essen gereicht wird. Typisch für italienische Mikrobrauereien sind ihre besonders schönen Flaschenformen und schick designten Etiketten sowie der Sinn für Regionalprodukte. So wird dem Bier "Malagrika" der Brauerei "B 94" aus Apulien einheimische Quittenmarmelade beigemischt, und beim "Nectar" der Brauerei "32 Via dei Birrai" aus Venetien kommt Kastanienhonig zum Einsatz.

Auch Teo Musso spielt mit ungewöhnlichen Zutaten: Eine Winzigkeit vietnamesischen Kaffees verleiht dem dunklen "Noel" eine zarte Toffeenote. Dank Koriander und Orangenschale schmeckt das helle "Isaac" wunderbar frisch und fruchtig; kein anderes handwerklich gebrautes Bier verkauft sich in Italien besser.

Eine Klasse für sich ist "Xyauyù", ein dunkles Bier ohne Kohlensäure, aber mit 13 Prozent Alkohol, das 2003 nach siebenjähriger Entwicklungsarbeit entstanden ist und nichts enthält als Wasser, Malz, Hopfen und Hefe. Allerdings wurde die Maische 18 Monate lang zum Oxidieren in spezielle Stahltanks gefüllt und zum Schluss zwei Monate in Barriquefässern gelagert. So entsteht ein Getränk, das einem Vin Santo, einem Madeira oder einem Château-Chalon nähersteht als einem Bier - auch im Preis von 30 Euro für eine Halbliterflasche. Dafür bereitet ein "Xyauyù" sogar ein Jahr nach dem Öffnen noch Freude.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH