Samstag, 18. November 2017

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Weinbau Ein Prinz kehrt heim

Schloss Proschwitz: Ein Prinz verschreibt sich dem Weinbau
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Georg Prinz zur Lippe ist Adeliger aus Tradition, Unternehmer aus Überzeugung und Winzer aus Leidenschaft. Schloss und Ländereien im sächsischen Elbtal hat er Schritt für Schritt zurückgekauft. Jetzt baut er dort ein erfolgreiches Familienunternehmen auf - mit köstlichen Weinen.

Zadel - Unter Weinschmeckern ist der Vierseitenhof im sächsischen Elbdörfchen Zadel eine beliebte Adresse. Von dort kommen die vielfach preisgekrönten Elb- und Rieslinge, die Grau- und Spätburgunder des Prädikats-Weinguts Schloss Proschwitz. Bei gutem Wetter sitzen die Genießer an Tischen im Freien, zwischen den Oleanderkübeln im Innenhof. Hier mundet der gut gekühlte Müller-Thurgau aus der Vinothek noch mal so gut.

Wenn man dann ein bisschen Glück hat, schlendert ein stattlicher Mittfünfziger übers Pflaster. Er trägt meist Breitcordhose und Tweedjackett, spricht seine Gäste gern an, begrüßt sie mit Handschlag und stellt sich vor: Georg Prinz zur Lippe. Nicht selten setzt sich dieser Hausherr mit an den Tisch und erzählt Geschichten vom aktuellen Gang der Geschäfte, von der Renovierung des benachbarten Barockschlosses Proschwitz oder vom Aufbau und der Weiterentwicklung des noch jungen Qualitäts-Weinbaus in Sachsen.

Seit 20 Jahren arbeitet Georg Prinz zur Lippe nun an diesen Projekten. Mit seinen vielfachen Aktivitäten - neben dem Weingut betreibt er in Zadel auch eine gemütliche Pension, ein Feinschmeckerlokal und eine Brennerei für Edelspirituosen, das Barockschloss im Nachbarort Proschwitz ist ein Veranstaltungszentrum samt angeschlossener Eventagentur - wurde der Prinz im Jahr 2006 zu Sachsens Unternehmer des Jahres gewählt.

Als Westimport der ersten Stunde ist er eine Zentralfigur geworden für die Rückkehr des Familienunternehmertums in die neuen Bundesländer, für moderne Fort- und Weiterbildungskonzepte auch in kleinen und mittleren Betrieben und für ein neues Qualitätsbewusstsein - beim Wein wie bei den touristischen Dienstleistungen, die sich um das Gourmetprodukt herum anbieten lassen.

Neue Wurzeln zwischen Pyramideneichen und Gingkos

Georg Prinz zur Lippe gehört zu einer Seitenlinie jenes weit verzweigten Fürstengeschlechts, dessen Name noch immer mit einem westfälischen Region verbunden ist. Er hat unter anderem als Unternehmensberater bei Roland Berger in München gearbeitet. Als er 1990, also wenige Monate nach dem Fall der Mauer, zum ersten Mal in die Gegend um die alte Residenzstadt Meißen kam, wollte er nur sehen, wie es um den Stammsitz seiner sächsischen Seitenlinie stand: Schloss Proschwitz war 1945, gleich nach Ende des Weltkrieges, von den Sowjettruppen enteignet worden. Jetzt fand sich ein Internat für Behinderte in dem heruntergekommenen Bau.

Der promovierte Ökonom verliebte sich gleichwohl in die pastorale Landschaft im Elbtal, in die lieblichen Hänge, die damals noch nicht von Weinbergen bedeckt waren - und in das vom Schwamm befallene Gemäuer. Denn im englisch angelegten Park standen noch immer die jahrhunderte alten Pyramideneichen, Rotbuchen und Gingkobäume, die seine Vorfahren gepflanzt hatten. Hier, an den Wurzeln seiner Familie, wollte er bleiben und selber neue Wurzeln schlagen.

Doch wovon sollte der Prinz leben? Die Landwirtschaft rings um Schloss Proschwitz, einst ebenfalls im Besitz derer zur Lippe, war längst verteilt an die ehemaligen Chefs der nach der Wende sogleich privatisierten LPG. Das einzige, was ihm die Behörden in jener ungewissen Zeit zugestehen mochten, waren die kümmerlichen Reste von Weinbau am östlichen Elbufer, die die genussfeindliche Ära des "real existierenden" Sozialismus überlebt hatten. Der Prinz griff zu. Und seine Rechnung ging auf: Ein Hanggrundstück nach dem anderen konnte der Neuling zuerst pachten, dann erwerben und schließlich offiziell umwidmen zu Weinbergen.

Zum Prädikatsweingut Schloss Proschwitz gehören heute rund 87 Hektar, darunter exzellente Lössboden-Lagen beiderseits der Elbe. Im Jahr 1997 durfte der Prinz schließlich das Barockschloss Proschwitz zurückkaufen. Seither hat er einen Millionenbetrag in die stilechte Renovierung und in den Umbau zu einem hochtechnisierten Tagungs- und Veranstaltungszentrum gesteckt. - zusätzlich zu den zehn Millionen Euro für den Weinbau. Aufbringen konnte er dies Geld nur, weil er auch seine zwei Münchener Penthouse-Wohnungen, einst vom üppigen Berater-Salär erstanden und als Alterssicherung gedacht, verkauft hat.

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