Montag, 25. März 2019

Dom Pérignon Der Kopf im Keller

Richard Geoffroy gilt als Intellektueller unter den Weinmachern. Der Kellermeister von Dom Pérignon ist promovierter Arzt und komponiert seit mehr als 20 Jahren Champagner, die von der Fachwelt bejubelt werden. manager magazin traf ihn auf ein Glas seines neuen 2000er Rosé.

Hamburg - In warmen Bernstein- und Kupfertönen schimmert die kleine, perlende Weinpfütze in dem voluminösen Kelch. Unter der Stuckdecke des kleinen Empfangssaals im vornehmen Hamburger Hotel "Vier Jahreszeiten" neigt sich der Kellner leicht nach vorne und präsentiert in betont korrekter Haltung auffordernd die Flasche: Einen 2000er Dom Pérignon Roséchampagner, Kostenpunkt um 300 Euro.

Aber Richard Geoffroy, Chef de cave von Dom Pérignon, hat weder Blick für Flasche noch Glas noch Kellner. Ihm ist im Moment nur eines wichtig: Erklären, was seinen Champagner einzigartig macht. Alles andere kann warten. Alles andere ist gar nicht da.

Und so muss der arme Kerl regungslos gekrümmt stehen bleiben, das Denkmal eines Sommeliers, während Geoffroy, völlig absorbiert von seinem Thema, fröhlich in aller Ruhe referiert: "Dom Pérignon vereint etliche Paradoxien. Eine ist, dass das Unternehmen noch immer den Namen des Vaters der Champagnerherstellung trägt. Nicht viele Marken tragen den Namen des Erfinders der gesamten Produktkategorie. Das ist sehr ikonisch. Aber unser Stil, und das ist das Paradoxe daran, ist nicht besonders traditionell. Dom Pérignon ist vielleicht der am wenigsten traditionell orientierte aller Spitzenchampagner."

Und dann, nach einer kleinen Pause, in der er das Gesagte wirken lässt, entschließt Geoffroy sich doch zur Probe, rollt den Wein im Glas, lässt ihn funkeln, riecht, zieht ihn durch die Zähne, schmeckt und nickt. Zu Recht. Der 2000er Dom Pérignon Rosé ist ein Aromenfeuerwerk, der sich im Mund ausbreitet und für einen magischen Moment das Gefühl vermittelt, die Welt könne letztlich doch sinnvoll strukturiert und alles in allem gar kein so übler Ort sein.

Ein Medizinstudium als Akt der Rebellion

Für Geoffroy selbst geht es beim Wein auch immer gleich um das große Ganze. Der Genuss im Glas hat bei ihm einen gewaltigen Überbau. "Die Zukunft des Weins ist eine doppelte", findet er, "er repräsentiert eine sinnliche Beziehung zur Natur, und er führt Menschen zusammen. Wir haben unseren Planeten kollektiv ins Chaos gestürzt. Jetzt müssen wir die Missstände, die wir gemeinsam verursacht haben, auch gemeinsam beheben. Wein ist ein Element der Zivilisation, das Menschen zusammenbringen kann. Die Kraft des Weins ist unglaublich: Er ist ein Spiegel unseres inneren Selbst."

Champagner ist der Inbegriff von Luxus. Aber, meint Geoffroy beobachten zu können, der Luxusbegriff wandele sich: "Früher ging es mehr um Besitz, heute geht es mehr ums Erleben, um Erfahrungen. Wein liegt auf dieser Linie, auch, weil er ein Gemeinschaftserlebnis bietet. Das 21. Jahrhundert ist die Zeit des Zusammenkommens."

Seit 20 Jahren ist Geoffroy Kellerchef der Traditionsmarke, deren Anfänge bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Der Schriftsteller Jay McInerney, seit wenigen Wochen Weinkolumnist beim Wall Street Journal, schreibt, er habe nur einen einzigen anderen Mann getroffen, der seinen Job genauso genieße wie Geoffroy - und der sei Playboy-Chef Hugh Hefner gewesen. Dieses Zitat hört Geoffroy gerne, auch wenn er, der Spross einer Winzerfamilie aus Vertus, zunächst einmal einen Weg fernab des Weingeschäfts eingeschlagen hatte und als Arzt promovierte.

"Mein Medizinstudium war ein Akt der Rebellion", erzählt er völlig ironiefrei. Man kann es sich schwer vorstellen, dass Eltern entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn der Sohn Arzt werden möchte. Andererseits ist die Champagne nicht irgendeine Weinbauregion, und wer dorther kommt, hat oft tiefe Wurzeln."Als Teenager möchte man seiner Familie und der Welt beweisen, dass man es auch ganz alleine, außerhalb der vom Schicksal vorgegebenen Route, schaffen kann. Aber irgendwann musste ich mir selbst gegenüber zugeben, dass die Anziehungskraft meiner Herkunft einfach zu stark war. Wenn man vom Land kommt und mit dem Land arbeitet, dann gehört man zu einer Gemeinschaft, die einen nicht los lässt. Das übt einen starken Magnetismus aus."

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