Montag, 17. Dezember 2018

James Turrell Seltsam, im Farbnebel zu wandern

Der amerikanische Künstler James Turrell forscht seit Jahrzehnten über Licht und Wahrnehmung. In Arizona baute er einen Vulkankrater zum Lichtobservatorium um. Jetzt kann man seine Kunst auch in Deutschland erleben: In Wolfsburg lädt ein begehbares Lichtkunstwerk, in dem Grenzen und Räume verschwimmen, zur Reise ins eigene Ich.

Wolfsburg - Eine leuchtende Welt hat der amerikanische Künstler James Turrell im Kunstmuseum Wolfsburg gezaubert. In der 700 Quadratmeter großen, begehbaren Installation bestimmt blaues und rotes Licht die Wahrnehmung des Raumes, gewohnte Erfahrungen werden außer Kraft gesetzt. "Ich erforsche das Licht wie einen neuen Kontinent", sagte der 66 Jahre alte Turrell bei der Vorstellung der von Samstag an geöffneten Ausstellung "James Turrell. The Wolfsburg Project".

Im Inneren der Installation gilt es, sich im Farbnebel zu orientieren - und wer mag, dem empfiehlt Museumsdirektor Markus Brüderlin auch eine Reise in das eigene Innere: "Licht ist Aufklärung, Erleuchtung, Licht ist Geist, eine Welt hinter der Welt gilt es auf mehreren Ebenen zu entdecken."

Ohne Licht wirkt die Installation eher langweilig. Ein elf Meter hoher Quader und ein etwa neun Meter hoher Quader sind ineinandergeschoben. Außen wie innen sind beide schlicht mattweiß gestrichen. Erst durch das Licht von rund 36.000 LED entsteht dann das Kunstwerk.

"Dem Auge wird kein Halt geboten"

Über eine 18 Meter lange Rampe gehen die Besucher in den einen Quader acht Meter tief hinein. Schon beim ersten Schritt stellt sich eine leichte Unsicherheit ein. "Dem Auge wird kein Halt geboten", erklärt Projektmanager Manfred Müller. Turrell hat ein Ganzfeld geschaffen, einen Ort, an dem andere Gesetze als in der Alltagswelt gelten. Der Begriff Ganzfeld hat seinen Ursprung in der Psychologie der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Nach wenigen Minuten Aufenthalt in einem Ganzfeld stellt sich das Gefühl ein, in einem immer dichter werdenden Nebel zu stehen. Die Psychologen wollten durch die Reizarmut eines Ganzfeldes die Wahrnehmung des eigenen Inneren erleichtern.

In Turrells Installation "Bridget's Bardo" wandert das Licht in fließenden Abstufungen von rot nach blau. Alle Konturen des Raumes verschwinden, in anderen Momenten scheinen Wände den Raum zu begrenzen, die jedoch gar nicht existieren. "Licht deckt nicht nur auf, Licht kann auch verdecken", erinnert Turrell an eine alltägliche Erfahrung. Die Technik spielt für ihn eine untergeordnete Rolle. Durch Computer lasse sich heute zwar einiges mehr an Lichtkunst realisieren. "Aber ich bin kein Computerfreak", beteuert er.

Neben einer weiteren kleineren Lichtinstallation sind in Wolfsburg zudem Modelle und Fotos von Turrells Arbeiten ausgestellt. Ein halbstündiger Film bringt den Zuschauern zudem den Künstler und sein Hauptwerk, die Umgestaltung des Vulkankraters Roden in Arizona zu einem Lichtobservatorium näher. Bisher mussten Turrell-Interessierte weite Wege auf sich nehmen: Das erste Museum für seine Werke eröffnete unlängst auf der Estancia Colomé in Argentinien - unendlich weit weg von allen Kunstmetropolen, in majestätischer Lage unter dem beeindruckenden Sternenhimmel der südlichen Hemisphäre.

Für Museumsdirektor Brüderlin ist die Wolfsburger Ausstellung ein Abenteuer, "das der ersten Weltumsegelung gleichkommt". "Während des sechswöchigen Aufbaus hat das Museum wie eine Schiffswerft ausgesehen." Das fertige Kunstwerk verwandele das Museum nun in eine Raumstation. Ohne großen Aufwand könnten die Besucher eine Reise in den Orbit starten.

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