Montag, 19. Februar 2018

Zukunftsmärkte "Mehr Zeit, mehr Lebensqualität"

3. Teil: "Die Rettung liegt immer vorne"

mm.de: Regionalität leuchtet für Lebensmittel ein. Wie können andere Branchen profitieren?

Selbst machen: Der Trend zur Regionalität profitiert vom Vertrauen der Verbraucher zu Erzeugern, die er persönlich kennt
Wenzel: Nehmen Sie den österreichischen Lederwarenhersteller Pierre Waldon. Der hat jetzt mitten in der Krise stark expandiert - die legen ihren Fokus darauf, dass alles, was sie anbieten, made in Austria ist. In der Oberpfalz gibt es einen Fahrradhersteller, der jetzt seine Produktion aus Tschechien zurückgeholt hat. Die machen Insourcing, und das mit großem Erfolg. Seit sie jeden Handgriff in Deutschland vornehmen, verkaufen sich die Räder wunderbar.

mm.de: Ein anderer Aspekt Ihrer Studie ist der soziale Kapitalismus.

Wenzel: Corporate Social Responsibility ist bei uns regelrecht zum Fetisch geworden. Viele Unternehmen spüren, dass sie über ethisch einwandfreies Handeln immer stärkere Aufmerksamkeit finden. In den USA gibt es derzeit eine spannende Entwicklung: Wohlfahrtsorganisationen schließen sich mit Pharmafirmen zusammen und entwickeln mit ihnen zusammen Produkte.

Die Cystic Fibrosis Foundation etwa entwickelt gerade mit Vertex Pharmaceuticals ein Medikament und steuert 75 Millionen US-Dollar bei. Und es gibt dort viele Unternehmen, vor allem im Dienstleistungs- und Pflegebereich, die sich aus dem Wohlfahrtsbereich heraus als eigenständiges Geschäft entwickelt haben. Das geht in den USA leichter, weil die Mentalität eine andere ist.

mm.de: Wird das auch in Deutschland ein Trend werden?

Wenzel: Die Amerikaner haben eine viel pragmatischere Art als wir. Die fangen einfach an. Bei Greentech etwa können wir aber selbstbewusst sagen: Wir sind da im Grunde seit Jahren schon weiter als die Amerikaner. Die Umsätze in der grünen Technologie werden weiter steigen, und die Autoindustrie wird ein Teil dieser Industrie sein. Wir müssen uns klarmachen, dass wir in der postfossilen Gesellschaft leben. Und wenn wir dann in bestimmten Bereichen des mobilen Lebens den Pkw ersetzen können, sollte man dort die Abwrackprämie in Anschlag bringen - aber nicht, um einem Konzern wie Opel noch beim allmählichen Absterben zu helfen.

mm.de: Kann man denn ganze Branchen einfach sterben lassen?

Wenzel: Fragen Sie einen Förster: Der sagt Ihnen, dass es gut und gesund ist, dass immer wieder Teile des Baumbestands sterben. Und es wird auch für die Wirtschaft gesund sein. Die Rettung liegt immer vorne. Wir müssen sehen, wie sich das Leben und die Konsumbedürfnisse ändern.

mm.de: Und welche Branchen profitieren?

Wenzel: Menschen werden immer stärker über Selbstmanagement nachdenken. Sie merken, dass sie genau wissen müssen, wie sie sich in der Arbeitswelt positionieren müssen. Wir Deutschen waren in Europa mit die Letzten, die anfingen, über Fortbildung nachzudenken. Das wird eine sehr große Industrie werden.

Was heute schon für Coaching ausgegeben wird, auch privat, ist unfassbar. Das ist ein riesiger Markt. Oder nehmen Sie den sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt jenseits der verordneten Rezepte: Pro Jahr werden dort 55 Milliarden Euro umgesetzt. Gesunde Ernährung, Coaching, alternative Medizin - und viele Leute können ihre Bedürfnisse noch gar nicht befriedigen, weil es an adäquaten Angeboten fehlt. Es ist es nicht unwahrscheinlich, dass dieser Markt in zehn Jahren auf rund 100 Milliarden Euro wächst.

Seite 3 von 3

© manager magazin 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH