Sonntag, 30. April 2017

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Trend-Kolumne Liebesgrüße aus der Blogosphere

Sie wollen sich den Frust von der Seele reden. Sie wollen Ihren Chef mal so richtig die Meinung sagen. Oder Sie wollen sich einfach an der Grandiosität ihrer Worte erfreuen. Dann legen Sie los. Schreiben Sie ein Weblog, ein persönliches Tagebuch im Netz. Keiner wird Sie des Narzissmus bezichtigen.

Hamburg - Immer mehr Menschen hauen in die Tasten, um ihr Privates der Weltöffentlichkeit preiszugeben. Im deutschsprachigen Raum soll es rund 50.000 Weblogs geben, in den USA gar mehr als 7 Millionen. Die persönlichen Berichte behandeln jegliches Thema - ob Wetter, Wirtschaft oder Politik. Und sie sind mehr als nur Egosülze. Weblogs sind zu einer neuen Meinungsmacht in der Presselandschaft geworden.

Trendforscher: Andreas Steinle
In den Weblogs manifesitiert sich die kritische Stimme des aufgeklärten Verbrauchers. Wer unzufrieden mit einem Produkt oder einer Firma ist, behält dies nicht mehr für sich, sondern macht seine Meinung öffentlich. Rasch bilden sich Foren, die den Unmut vieler bündeln und entstprechend Druck ausüben.

Die Wut der Blogger bekam zuletzt der Klingelton-Anbieter Jamba zu spüren. Im Weblog "Spreeblick" wurden die Geschäftspraktiken der Firma kritisch unter die Lupe genommen. Als plötzlich überraschend positive Berichte über Jamba auftauchten, fand die Blogger-Gemeinde schnell heraus, dass es sich um gefälschte Einträge von Mitarbeitern der Firma handelte. Denn die Blogging-Software speichert, von wo aus ein Eintrag gemacht wird. Der Klingeltonanbieter heizte damit die Negativ-Stimmung gegen sich nur noch an. "Spreeblick" fand sich wochenlang auf Platz 1 der Google-Liste für den Suchbegriff "Jamba", da die Blogger ihre Seiten untereinander zusätzlich verlinken. Vor Google sind alle gleich. Das macht die Weblogs so mächtig im Netz.

Die Macht der Blogger

Die privaten Amateurschreiber haben auch den letzten US-Wahlkampf entscheidend mitgeprägt. Als der renommierte CBS-Moderator Dan Rather Dokumente vorlegte, aus denen hervorging, wie sich der Präsidentschaftskandidat George Bush in seiner Militärzeit vor einem Einsatz im Vietnamkrieg drückte, äußerten Blogger ihre Zweifel an der Echtheit der Dokumente. Die Zweifel mehrten sich. Die Echtheit der Dokumenten konnte nicht einwandfrei belegt werden. Schlussendlich stand die Glaubwürdigkeit von CBS auf dem Spiel und der Starmoderator musste seinen Hut nehmen.

Die Geschwindigkeit und Brisanz, mit der die Debatte eskalierte, kommentierte die Washington Post folgendermaßen: "Es war wie ein Streichholz auf Benzin getränktem Holz." Mit den Weblogs entsteht eine neue Form des Graswurzeljournalismus, der eine hohe Glaubwürdigkeit besitzt, weil er keine kommerziellen Interessen verfolgt. Veröffentlicht von Leuten mit Galle in der Schreibe, subjektiv, rücksichtslos und an Redakteur und Lektorat vorbei.

Die Texte der Weblogs bekommen ihren Charme durch die Dominanz des Subjektiven. Das, was im klassischen Journalismus streng verpönt ist, wird hier als Stärke gesehen. So ist die "ich"-Form in den privaten Aufzeichnungen selbstverständlich. Es gilt, mit dem persönlichen Blick eine andere Perspektive auf die Welt zu werfen.

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