Von Arne Gottschalck
Neben die Selbstbestimmung soll das Können treten, "Können im Sinne von Meisterschaft", so Kreuz. "Und das fußt auf zwei Faktoren, Training und Feedback. Ein Tennisspieler wie Roger Federer ist auch deshalb so gut, weil er jeden Tag Feedback erhält und es auch einfordert."
Außerdem muss die Arbeit für die Menschen Sinn machen. "Im Flugzeug", sagt die Vielreisende Förster, "sieht man beispielsweise das ganze Spektrum. Dort trifft man Flugbegleiter, die Sinn in ihrer Tätigkeit sehen und die das Gefühl haben, ihre individuellen Stärken in ihre Arbeit einbringen zu können. Man fühlt sich sehr wohl bei ihnen. Und dann gibt es die anderen; humanoide Serviceroboter, die ohne einen Funken von Begeisterung ihren Dienst machen und deren herausragende Leistung darin besteht, nicht mit dem Tomatensaft zu kleckern. Der Unterschied liegt darin, dass Sinn immer dann entsteht, wenn Menschen das, was sie tun, mit dem in Verbindung bringen, was ihnen wichtig ist."
Hinter diesen Forderungen steht eine Erkenntnis. "Die Idee, dass ich Sie dauerhaft motivieren könnte, ist nicht nur dumm, sondern auch ungeheuer arrogant", so Kreuz. "Es gibt nur eine Person, die Sie dauerhaft motivieren kann: Das sind Sie selbst. Kein Chef kann das für Sie tun. Das bedeutet aber nicht, dass Chefs aus der Verantwortung sind. Was Vorgesetze tun sollten, ist ein Umfeld zu schaffen, das Höchstleistungen ermöglicht. Und das ist immer ein Umfeld, in dem Menschen Selbstbestimmung, Können und Sinn erleben."
So wie in Drachten, einer Stadt in Holland. Dort hat man sämtliche Verkehrsschilder abgebaut. Und nur drei regeln eingeführt: Rechts vor links, Tempolimit 30 - und Aufpassen.
"Der Verkehr fließt störungsfreier als zuvor und die Zahl der Unfälle ist Richtung Null zurückgegangen." So eine Erkenntnis übertragen die beiden auch auf Unternehmen. "All die Ampeln und Verbotsschilder finden Sie auch in Unternehmen. Es sind die Vorschriften, Regularien und Kontrollmechanismen, die dazu geschaffen wurden, um das Miteinander der Menschen in dem Betrieb besser zu regeln. Das ganz hat nur eine unangenehme Nebenwirkung: Je dichter das Regelwerk, desto mehr werden die Menschen zu Regelbefolgern. Anders ausgedrückt: Wer Zäune um Menschen baut, bekommt Schafe. Und was passiert, wenn wir damit beginnen, die Zäune um die Menschen partiell einzureißen? All die Regeln und Vorschriften auf ein kluges Minimum reduzieren? Und die Menschen wieder zu bringen, selbst Verantwortung zu übernehmen, indem es beispielsweise keinerlei Vorschriften zum Thema Reisekosten gibt - und Mitarbeiter ihre Reisekosten nach eigener Einschätzung abrechnen."
Skepsis.
"Die Unternehmer, die das praktizieren, sind keine linksradikalen Spinner. Sie setzen beispielsweise auf sehr weitgehende Transparenz, indem sie für alle Mitarbeiter alle Zahlen offenlegen. Das bedeutet aber nicht, dass sämtliche Kontrollen abgeschafft sind. Es bedeutet ein radikales Umdenken bei der Frage: Wie wird kontrolliert? Wenn beispielsweise in meinem Unternehmen die abgerechneten Reisespesen aller Mitarbeiter ins Intranet gestellt werden - dann plane ich meine Reise mit gesundem Menschenverstand! Das bedeutet aber auch: Vorgesetzte müssen in Vorleistung gehen, indem sie Freiraum und Vertrauen gewähren. Beides kann von Mitarbeitern missbraucht werden, keine Frage. Aber ohne Freiraum und Vertrauen gibt es keine Initiative und Kreativität. Das eine geht nicht ohne das andere."
Im Tagesgeschäft geht so etwas schon mal unter. Darf es aber nicht. "Keine Zeit", das sei eine Ausrede, sind sich beide einig. "Machen Sie nicht nur eine tägliche 'To Do Liste', sondern auch eine 'To Don't-Liste'. Denn was wir entscheiden nicht zu tun, ist mindestens so wichtig wie das, was wir entscheiden zu tun."
Die Aufforderung zur Selbstorganisation, fast klingt sie wie eine Hommage an die Disziplin. Das hätte Bismarck sicher gefallen.
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