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30.08.2010
 

Barcelona

Zwischen Vernunft und Wahnsinn

Von Markus Jacob

Barcelona: Die Stadt der Gegensätze
Fotos
Tim Langlotz

Die katalanische Hauptstadt ist ein Ort der Widersprüche. Aber keiner der unauflöslichen. In Barcelona ist die Utopie des kulturellen Schmelztiegels seit Langem bereits Alltagsroutine. Die Stadt oszilliert zwischen Provinznest und Kosmopolis.

Sie haben die Wahl, wie Ihnen Barcelona zu Füßen liegt: zerzaust oder züchtig, als scheinbar undurchdringliches Dächerwirrwarr oder als streng geometrisches Straßenraster. Von oben auf dem Montjuïc wirkt die Stadt ungeordnet und struppig; vom Gipfel des Tibidabo aus hingegen glitzern die klaren Achsen des Eixample, die zu den geordneten Maßen des Hafens führen. Es ist kaum zu fassen, dass der Blick von den beiden Hausbergen der Metropole dieselbe Stadt zeigt.

Das wohlhabende Barcelona der höher gelegenen westlichen Stadtteile - Sant Gervasi, Pedralbes, Sarrià - bekommt kaum ein Tourist zu Gesicht; noch seltener - es wäre denn, er verirrte sich auf dem Weg zum Parc Güell - die Geheimnisse alteingesessener Viertel wie Horta, El Carmel oder Vallcarca, von deren steilen Straßen man die schönsten Ausblicke auf den unwahrscheinlich verdichteten Stadtkörper vor der Weite des Meeres erhascht.

Das andere Extrem bilden die an den alten Hafen grenzenden Teile der Altstadt. Einst Inbegriff der Verruchtheit und Zwielichtigkeit, sind sie heute die Trampelpfade der Besuchermassen. Ihr Weg führt hinunter bis zu den vier Kilometern Stadtstrand der Barceloneta, wo fliegende Händler ein Publikum aus aller Welt umschwirren und mit Massagen, Mojitos und Sambakursen versorgen.

In den daran anschließenden Vierteln spielt die Stadt mit ihrer Zukunft: Südeuropas weitläufigste alte Industriezone Poblenou wird seit zehn Jahren unter der Marke "22@Barcelona" auf oft spektakuläre Weise in einen Technologie- und Designdistrikt verwandelt. Damit verglichen wirkt der Stadtumbau fast anekdotisch, der ab den 80er Jahren durch die Schaffung unzähliger neuer öffentlicher Räume international Aufsehen erregte und im Olympiajahr 1992 mit dem ingenieurtechnisch raffinierten Autobahnring und der Öffnung zum Meer kulminierte.

Eine der kühnsten urbanistischen Operationen Europas

Derselbe sozialistische Bürgermeister Pasqual Maragall, dessen Elan das "Modell Barcelona" so viel verdankt, schüttelte vor seiner Amtsübergabe 1997 das nächste Großereignis aus dem Ärmel. Das "Universelle Forum der Kulturen 2004" war ein Flop, doch die Vollendung der Avinguda Diagonal bis ans Meer und der Versuch, dem von Müllverbrennungsanlagen und Industriefossilien besetzten Nordostende der Stadt ein neues Gesicht zu geben, wurde fast unbemerkt zu einer der kühnsten urbanistischen Operationen Europas.

Immerhin begnügte man sich hier nicht damit, ein Riesenrad wie in London als Symbol des 21. Jahrhunderts auszugeben, sondern wagte den Versuch, eine bestehende Entsorgungslandschaft mit architektonischer Avantgarde zu koppeln.

Barcelona fasziniert, weil es spüren lässt, dass es sich in seinen engen Grenzen zwischen Meer und Gebirge fortwährend neu erfindet. Bis 1854 in seine Stadtmauern gepfercht, belagert von der Zitadelle (an der Stelle des heutigen, gleichnamigen Parks) und dem Kastell von Montjuïc - beide seit der katalanischen Niederlage im Spanischen Erbfolgekrieg 1714 Symbole der verhassten Bourbonenherrschaft -, entwickelte es sich zu Spaniens erster und bevölkerungsreichster Industriestadt. Doch dieses "Manchester des Mittelmeers" war zugleich die "Feuerrose", in der Revolte auf Revolte folgte, in der antiklerikale Massen 1909 die Gotteshäuser der Stadt verwüsteten.

Von Gegensätzen brodelnd, ist der einstige Broadway Barcelonas, die Avinguda del Parallel, heute die Bühne der Immigranten. Obgleich durch urbanistische Eingriffe und die Implantation mehrerer Museen und Hochschulfakultäten gezähmt, ist dieses alte Viertel mehr denn je das Laboratorium der Zukunft Barcelonas. Am brisantesten ist die Mischung im früheren Chinesenviertel El Raval, wo nichteuropäische Einwohner die Bevölkerungsmehrheit bilden. Wohl fast eine Million Einwanderer sind zwischen 1998 und 2008 nach Barcelona geströmt und haben sich gleichmäßig über den metropolitanen Raum verteilt. Spanien hat im europäischen Vergleich die massivste Immigrationswelle erlebt und scheint diese leichthändiger zu meistern als andere Nationen.

Ohne die Einwanderungspolitik des Landes zu idealisieren, lässt sich behaupten: Spanien gewährt seinen Immigranten beim Versuch, ihr Leben neu zu gestalten, mehr Spielraum als anderswo üblich. Als habe man nicht nur begriffen, dass der pakistanische Gemüsehändler unentbehrlich ist, sondern nehme ihn in erster Linie als Gemüsehändler und nicht als Pakistani wahr. Ich sehe oft eine alte Barceloninerin, die es sich in der Abendfrische auf ihrem Klappstuhl vor der Kurzwarenhandlung von Yong Mei bequem macht, um mit der jungen chinesischen Geschäftsfrau ein Schwätzchen zu halten, genauso wie sie es mit deren katalanischer Vorgängerin zu tun pflegte.

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