Reisemanager magazin RSS  - Reise - Reise


15.07.2010
Twitter GooglePlus Facebook

Loutró auf Kreta

Leben wie Gott in Flipflops

Von Karin Ceballos Betancur

Kreta: So richtig ruhig
Fotos
Arthur F. Selbach

2. Teil: Die Lust auf Gespräche hält sich in Grenzen

Er ist seit zehn Tagen hier. Am anderen Ende der Zementpromenade versucht sich das Hotel "Sifis" nahe dem Kai auf einer Holzterrasse an Lounge-Ambiente, hier nennen sich die Pensionen Hotel. Und vor dem "Blue House", das eines der ersten am Platz war, verfolgt ein alter Mann mit Feldstecher wortlos die Geschäfte vor Stavros' Taverne, die Bauarbeiten am Hang, das gemächliche Treiben der Nachbarn, die im Sommer zu Konkurrenten werden.

Die Lust auf Gespräche hält sich in Grenzen. Also nimmst du ein Buch und setzt dich auf einen Stuhl vor dein Zimmer, schnappst dir ein Handtuch und legst dich an den Strand, schließt die Augen, schläfst ein, wachst auf, trinkst Kaffee, liest, schläfst, läufst ein paar Schritte, liestschläfstläufst, Kaffee, läufstschläfstliest. So vergeht der erste Tag. Danach der zweite. Und dritte. Bis die Wolken eines Morgens beschließen, die Wärme für sich zu behalten. Und du deine Schuhe schnürst, den Weg vorbei am Kiosk nimmst, wo wilde Kamille die letzte Landverbindung zur Außenwelt zu überwuchern droht, steigst auf Treppen über den Hügel und findest dich in einer Landschaft wieder, in der der Mensch die Herrschaft den Ziegen überlassen hat.

Der Europäische Fernwanderweg E4 ist mehr zu vermuten als zu erkennen: Immer wieder mal unternimmt jemand den Versuch, ihn zu beschildern. Dann benutzen die Sfakioten die Schilder eine Weile als Schießscheibe, irgendwann schraubt jemand die Schilder ab, endlich werden neue aufgestellt. Und das Spiel beginnt von vorne. Also bleiben den Wanderern zur Orientierung Farbkleckse auf den Steinen, die den Weg durch die graubraungrüne Landschaft weisen. Aromen von Thymian, kretischem Eschenwurz und Ziegenkot liegen in der Luft. Weit oben am Hang ist eine Siedlung zu erkennen, ein paar Häuser nur, als sei dem Schöpfer bei einem Würfelspiel der Becher aus der Hand gerutscht.

Ein Weg führt nach Livanianá. Und wer es bis hierher geschafft hat, kann kaum anders als bei Tilman einzukehren. Als er vor Jahren zum ersten Mal in der Taverne saß, war er Gast. Zu fortgeschrittener Stunde ließ die alte griechische Wirtin ihn zusammen mit einem Schweizer allein unter den Sternen im Freien sitzen mit der Bitte, sie mögen sich am Bier aus dem Kühlschrank selbst bedienen und das Geld auf einem Teller deponieren. Die ganze Nacht verbrachten sie so, schweigend. Als am Morgen die Sonne aufging, sagte der Schweizer: Jetzt müsste man ein Klavier haben.

Ein rosafarbenes Klavier als Markenzeichen

Vor drei Jahren übernahm Tilman die Kneipe, das Haus in den Bergen mit einem Innenhof, den er mit Fundstücken gespickt hat: alte Fenster, Glasperlen, Sinnsprüche und ein rosafarbenes Klavier, das dabei ist, sich zum Markenzeichen seiner Taverne zu entwickeln. Der Blick in die Bucht ist selbst dann noch ergreifend, wenn es der Sonne nicht gelingt, alle Farbschattierungen von Blau aus dem Meer zu kitzeln. Sofort lässt auch der Schmerz an den Füßen nach, die auf ein Mäuerchen gestützt ins Panorama ragen. Und genau in dem Augenblick, in dem man glaubt, es gehe nicht mehr schöner, verschwindet Tilman in der Küche.

Wenige Minuten später macht die samtsanfte Stimme von Rufus Wainwright aus den Lautsprechern unter dem Weinlaub den Moment perfekt. Er singt "Hallelujah". Es ist der Himmel auf Erden. Am letzten Abend in Loutró, gibt es in Stavros' Taverne griechischen Salat, gegrilltes Lamm und Moussaka, Alison erzählt zwischen zwei Gläsern Wein ihre Geschichten. Die von der alten Kiosk-Witwe, die hartnäckige Oben-ohne- Badende am Strand manchmal mit Steinen bewirft. Oder die vom Geschäftsmann, dessen Vater ihm ständig wegen Firmenfragen hinterher telefonierte, bis sie ihn am Telefon zusammenstauchte und verlangte, er solle seinen Sohn endlich in Ruhe lassen, schließlich versuche der seit Tagen, Urlaub zu machen.

Und sie erzählt vom 80-jährigen Paar, das bei ihr zu Gast war. Wie die Frau eines Nachmittags wütend an der Rezeption erschien, 1000 Euro für ihren Mann hinterließ und erklärte: "Soll er sehen, wie er zurückkommt - ich reise ab." Wie der Mann Minuten später auf der Hotelterrasse auftrat, auf der Nase eine Sonnenbrille die mühsam ein blaues Auge verbarg, einen Kaffee bestellte und zusah, wie am Kai der dramatische Abgang seiner Frau daran scheiterte, dass keine Fähre kam. Irgendwann sei die Frau zurückgekommen und das Paar habe seinen Urlaub gemeinsam beendet.

Du hörst zu, lehnst dich zurück, nimmst noch einen Schluck Wein, bist erleichtert. Weil das Paradies offenbar immer einen Weg findet, jeden von uns glücklich zu machen.

Kreta: So richtig ruhig

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Weitere Artikel zu Diesem Thema

Münchener Biergärten
Paradies unter Kastanien
Rheinsberg
Die Bilderbuch-Stadt
Las Vegas
Die maßlose Metropole
Knallbunte Koffer
Farbe spart Zeit am Flughafen

© manager magazin online 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH












Service
manager-magazin-AbonnementAbo-Service
Angebote von A bis ZAngebote von A-Z
Ihr persönliches DepotDepot
Twitter-FeedsTwitter-Feeds
manager magazin mobilmm mobil
Partnerangebote
Analysieren Sie online Ihren Standort im Vergleich zu den Besten mit CONTOR-REGIOContor-Regio:
Analysieren Sie
online Ihren Standort
Seminarmarkt: Tanken Sie KarrierewissenSeminarmarkt:
Tanken Sie Karrierewissen
GehaltsCheck: Verdienen Sie genug?GehaltsCheck:
Verdienen Sie genug?
Handytarife: Finden Sie den passenden TarifHandytarife:
Finden Sie den passenden Tarif
Medführer: Finden Sie Ihren Arzt oder Ihre KlinikMedführer:
Finden Sie Ihren Arzt
oder Ihre Klinik
imedo Arztsuche: Ärzte, Therapeuten, Heilpraktiker und Apothekenimedo:
Ärzte, Heilpraktiker, Apotheken