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15.07.2010
 

Loutró auf Kreta

Leben wie Gott in Flipflops

Von Karin Ceballos Betancur

Kreta: So richtig ruhig
Fotos
Arthur F. Selbach

Weiß gekalkte Häuser, ein paar Pensionen, kein einziges Auto. Kurz: Ruhe, Sonne und Entspannung. Das Dorf Loutró auf Kreta ist ein Paradies. Wie kann man so viel Schönheit nur aushalten?

Loutró - Du ahnst es bereits, während das Boot noch die Wellen des Libyschen Meers schneidet und dein Blick auf einen abgeschiedenen Strand fällt, wo Süßwasserquellen grasgrüne Baumkronen nähren. Du spürst es schon, wenn sich das Meer hinter einem Felsvorsprung langsam zur Bucht weitet, in der das goldgelbe Spätnachmittagslicht Bougainvilleen und Palmen streift, von weißen Fassaden mit blauen Türen und Fensterläden widerscheint. Loutró leuchtet. Ein griechischer Traum, der dem Erwachen standhält.

Am Ufer, vor Stavros' Taverne, merkst du, dass du dich nicht erinnern kannst, jemals in deinem Leben einen friedlicheren Ort betreten zu haben. Und wenn dir dann auf der Uferpromenade ein Mann wie Gott in Flipflops entgegenkommt, weißt du ganz sicher, dass du im Paradies gelandet bist.

Als die gebürtige Schottin Alison Androulakaki in den siebziger Jahren zum ersten Mal an dieser Bucht vorbeifuhr, war Loutró ein Weiler von kaum zehn Häusern, verlassen, vergessen am Fuß steiler Berghänge, an denen sich selbst im Frühling nur ein paar Flecken fahlen Olivgrüns zeigten. Alison war damals Mitte 20, führte Reisegruppen durch die Samariá-Schlucht und wusste noch nicht, dass sie bald einen Sohn jener Familie heiraten würde, die den Einheimischen und Urlaubern die Fähren bereit stellt, die als einzige zwischen Paradies und Erde verkehren.

Denn bis heute gibt es keine Straße nach Loutró, das wie eine Mondsichel am türkisklaren Wasser liegt - eine Pensions- und Tavernenreihe vorne, ein paar Treppen, Gassen, Häuser dahinter, wo die Bebauung am Fels bald ihre natürliche Grenze findet. 74 Einwohner zählt das Dorf während der Saison, im Winter kann man sie an einer Hand abzählen. Einen Bürgermeister gibt es nicht. Und alle leben vom Tourismus.

Der Morgen nimmt hier zwei Anläufe

Wer Stille und Abgeschiedenheit als Segen begreift, muss der kleinen Alison mit ihren blitzblauen Augen auf Knien dafür danken, dass sie Loutrós Seele beschützt. Seit Jahren kämpft die Chefin des Hotels " Porto Loutro" gegen den Bau einer Straße. Ihr Mann hat für dieses Engagement bereits Messerstiche kassiert, weil in der Sfakiá, im wilden Süden Kretas, Konflikte bis heute mitunter recht martialisch ausgetragen werden. Aber kümmern muss dich das nicht, du machst nur Urlaub im Paradies.

Der Morgen nimmt hier zwei Anläufe. Einen ersten bei Sonnenaufgang, den niemand übermäßig ernst nimmt, und den zweiten, wenn die Fähre von Chóra Sfakíon über das Meer kommt. Am Landungssteg lässt sie Wanderer an Land, Reisende mit Rucksäcken. Wendet in Richtung Kiesstrand, lässt die Laderampe herunter, ein Gabelstapler fährt Mauersteine, Zement, ein Baugerüst ans Ufer. Dann senkt sich erneut Stille über Loutró. Und der Tag beginnt, begleitet von den Wellen, die ruhig und gleichmäßig wie Atemzüge kommen und gehen. Vom Zwitschern der Vögel in den Palmen und Olivenbäumen. Vom Meckern der fernen Ziegen, die mit dem Läuten ihrer Halsglocken einen Rhythmus vorgeben, der eigenen Gesetzen folgt.

Ein Spaziergang durch den Ort ist ein Gang durch seine Geschichte: Im Osten liegt das Loutró der Anfänge, mit einfachen Pensionen, in denen im April noch herumliegende Planen, Eimer, Werkzeuge darauf hinweisen, dass irgendjemand angefangen hat, sich auf die Saison vorzubereiten. Und dann eine Pause eingelegt hat, von der er noch nicht zurückgekehrt ist.

In der zweiten Reihe, wo die Pflanzen nicht in Kübeln, sondern in leeren Olivenölkanistern wachsen, huscht Sascha im Hotel "Oasis" mit duschnassem Haar auf die Sonnenterrasse und bietet so ungezwungen Getränke an, als sei man gerade unverhofft in seinem Wohnzimmer aufgetaucht. Er stammt aus Chaniá. Für einen jungen Menschen, sagt Sascha, sei Loutró langweilig.

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