Montag, 06. September 2010, 05:27 Uhr

manager magazin



04.06.2009
 

Zukunftsmärkte

"Mehr Zeit, mehr Lebensqualität"

Von Maren Hoffmann

Ein fundamentaler Wertewandel erschüttert künftig alle Bereiche der Konsumwelten, erwartet Eike Wenzel, Autor einer Studie über Sinnmärkte. Der Zukunftsforscher erläutert im Gespräch mit manager-magazin.de, welche Schlüsseltrends Konsum, Handel und Marketing verändern und wo neue Geschäftsfelder liegen.

mm.de: Herr Wenzel, was sind Sinnmärkte?

Wenzel: Wir vollziehen in unseren Bedürfnissen derzeit einen fundamentalen Wandel: Wir möchten nicht mehr als Massenpublikum angesprochen werden. Es ist nicht mehr so, dass die Industrie Angebote macht, auf die wir als Konsumenten reagieren. Der Prozess kehrt sich um - wir formulieren Bedürfnisse, auf die clevere und flexible Anbieter möglichst individuell reagieren. In den nächsten zehn bis 20 Jahren wird es das Ziel der Menschen sein, das Bewusstsein zu erweitern, mehr Erfahrungen zu machen, mehr zu erleben.

mm.de: Das klingt wie Schlagworte aus den 60er Jahren.

Wenzel: Damals ging es um einen intellektuellen Gegenentwurf, der als linke Bewusstseinsindustrie funktionierte: Enzensberger und das Suhrkamp-Denken. Es war der Versuch, den Konsumenten aufzuklären. Die 68er hatten das Gefühl, dass sie genau wussten, was der Konsument möchte - ein kritischer, linker Intellektueller werden.

Sinnmärkte
Simpler Gebrauchswert ist out - wer in Zukunft sein Produkt an den Mann bringen will, muss dem Konsumenten mehr bieten können, meint der Trendforscher Eike Wenzel. Seine These: Die Märkte der Zukunft sind Sinnmärkte, in denen fünf Dimensionen von Bedeutung sind.

Werthaltigkeit: Das Produkt muss einen ideellen Charakter besitzen.
Tiefe: Es muss Bedeutung versprechen.
Orientierung: Es muss eine Richtung und eine Perspektive vorgeben.
Kollektivität: Es muss in einem größeren Zusammenhang der Tradition, der Verantwortung und der Zusammengehörigkeit stehen.
Transzendenz: Es muss eine symbolische Bedeutung haben, die über das Alltägliche hinausgeht.
Die Bewusstseinsindustrie 2.0 in der digitalen Gesellschaft funktioniert anders. Hier haben sehr viele Menschen extrem günstigen Zugang zu extrem hochwertiger Kultur. Bildung verändert den Charakter und wird zu einem besonderen Wert nicht nur der Berufsqualifikation. Es gibt den Trend zum "wising up": Die Demokratisierung des Luxus liegt hinter uns, jetzt kommt die alte Bildungsbürgerlichkeit in der digitalen Gesellschaft an.

mm.de: Sie sprechen hoffnungsfroh von "gigantischen neuen Märkten".

Wenzel: Welche Geschäftsmodelle im Web 2.0 in Zukunft reüssieren werden, wissen wir im Moment noch nicht. Wir stellen nur fest, dass es einen Bedürfniswandel gibt. Hochkulturelle Angebote werden wichtiger. Musik zum Beispiel: Die Metropolitan Opera in New York mietet Kinos an, um ihre Aufführungen zu übertragen. Die deutsche Philharmonie ist online. Es wird weniger Geld mit Tonträgern verdient. Musik funktioniert heute wieder als Erlebnis vor Ort, als Konzert, als Event - damit wird viel Geld verdient.

Vor zehn Jahren galt Klassik als tot. Dann hat sich herausgestellt, dass man mit der lange ignorierten MP3-Technik Leute wunderbar günstig auf Massenbasis mit Musik versorgen kann. Und wenn sie Interesse finden, fangen sie an, sich als Klassikliebhaber zu verhalten. Sie gehen in Konzerte und kaufen weitere Produkte. Nur hat die Musikindustrie diesen Bedürfniswandel ihrer Konsumenten lange verschlafen. In Zukunft müssen Geschäftsmodelle in immer kürzen Abständen umjustiert werden.

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