Von Andreas Steinle
Herkömmliche Muster sind überholt
Der neue Moralismus folgt dabei nicht den herkömmlichen Mustern, indem er Konsumverzicht und Askese fordert. Ganz im Gegenteil: Individuelles Wohlergehen und das Schicksal der Menschheit stehen gleichermaßen im Fokus. So schält sich ein neuer Lebensstil heraus, dessen Anhänger als Lohas (Lifestyle of Health & Sustainability) bezeichnet werden.
Forschungen in den USA und in Europa gehen davon aus, dass sich mittelfristig ein Drittel der Bevölkerung diesem gleichzeitig nachhaltigen sowie lustbetonten Lebensstil anschließen wird. Der "Stern" positioniert sich als zentrales Sprachrohr der Bewegung, indem er titelt: "So retten wir das Klima ... und haben trotzdem Spaß am Leben". Umweltschutz kann so schön sein: Zum Beispiel mit dem Toyota FT-HS, eine Sportwagenstudie mit Hybridmotor, die mit ihren 400 PS den Sprint von null auf 100 in vier Sekunden schafft.
Auch Al Gore lässt sich den Moralhedonisten zuordnen. Seine monatliche Stromrechnung beträgt rund 1000 Dollar – mehr als 20-mal so viel wie der Durchschnitt. Der beheizte Pool, die beleuchtete Auffahrt und das 20-Zimmer-Anwesen benötigen nun mal etwas mehr Strom, - natürlich aus regenerativen Energiequellen und dank CO2-Zertifikat klimaneutral.
Ohne Frage: Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Fairtrade und Fairplay gewinnen in unserer globalisierten Welt an Gewicht. Wir werden den Brasilianern nicht ausreden können, ihren Regenwald abzuholzen, wenn wir weiterhin mit Tempo 250 über die Autobahn donnern wollen. Die Welt ist auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht. Ob wir das Klima retten und trotzdem mit 400 PS-Boliden zur Demo fahren können - das ist die große Frage.
Mehr Lust auf Öko
Dass es möglich sein könnte, lässt die aktuelle Moralwelle ansteigen. Sie wird nicht vom Genussverzicht, sondern von Luststeigerung getrieben. Wie in der neuen Studie "Zielgruppe Lohas" (Zukunftsinstitut 2007) zu lesen ist: "Aus Müslis werden Marktführer, aus Alternativen werden Avantgardisten. Doch dieses Mal sind die neuen Ökos keine grimmig dreinschauenden Weltverbesserer." Sie streben nach Komfort und Genuss, wollen Spaß haben und gleichzeitig dabei Gutes tun. Diese Haltung zwingt Unternehmen zunehmend dazu, ihre Firmenstrategien konsequent in Richtung auf moralische Kodizes zu überarbeiten.
Doch bevor wir nun die Verantwortung einseitig den Unternehmen zuschreiben: Zählen Sie bitte jetzt die Anzahl ihrer Energiesparlampen. Gehen Sie zum Kühlschrank, und überprüfen Sie, ob die Temperatur bei den optimalen sieben Grad liegt. Wenn nicht, duschen Sie wenigstens, anstatt zu baden. Und verbannen Sie den elektrischen Dosenöffner. Schließen Sie sich den moralischen Hedonisten an. Und vergessen Sie nicht, Ihren Computer auszuschalten, wenn Sie jetzt zur Mittagspause gehen.
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