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06.04.2005
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Trend-Kolumne

Liebesgrüße aus der Blogosphere

Von Andreas Steinle

2. Teil: Gegen "Nippel-Alarm" und "Tanga-Terror"

"Nippel-Alarm" und "Tanga-Terror"

So findet sich bei blogger.com folgende Definition: "Ein Blog ist ein persönliches Tagebuch. Ein Raum für Zusammenarbeit. Eine politische Bühne. Ein Ventil für Nachrichten. Eine Sammlung interessanter Links. Ihre ganz privaten Gedankennotizen für die Welt." Oder wie es der Blogger Don Alfonso ausdrückt: "Blogs sind der Stoff, aus dem die Alpträume der Chefredakteure gemacht sind."

  Ziel von Bildblog.de:  Die Online-Version der Bildzeitung
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Ziel von Bildblog.de: Die Online-Version der Bildzeitung

Die Texte halten mitunter journalistischen Kriterien nicht stand. Doch dafür haben sie eine unverwechselbare Identität, einen eigenen Stil. Sie grenzen sich ab von den großen Portalen mit ihren immer gleichen Texten zum gleichen Thema, hergestellt von den immer gleichen Agenturen. Die Blüte der Blogs lässt sich daher auch als Reaktion auf bestehende Mediendefizite erklären.

Bei aller Subjektivität, die in den Weblogs herrscht, sind journalistische Prinzipien nicht völlig außer Kraft gesetzt. Beim "Bildblog" beispielsweise herrscht der Anspruch, die Artikel der Bild-Zeitung gründlich nachzurecherchieren und auf deren Fehler, Ungereimtheiten und Übertreibungen hinzuweisen. Wie die Macher schreiben, geht es um "die kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme". Zum besseren Verständnis des größten deutschen Blattes kann der interessierte User in einem "Bild"-Wörterbuch Begriffe wie "Nippel-Alarm" ("kurzzeitiger Blick auf sekundäres Geschlechtsmerkmal prominenter Frauen") oder "Tanga-Terror" nachschlagen.

Nicht alle Weblog-Macher treten mit einem journalistischen Anspruch an, doch viele der Seiten werden von Journalisten erstellt, die sich frei von redaktionellen und kommerziellen Zwängen im Internet austoben wollen. Manch einer, wie der US-Journalist Andrew Sullivan, schafft es sogar, mit seinem Weblog ein Einkommen zu bestreiten. Sein Gehalt bezieht er aus den Spenden seiner Leser.

Zum Beispiel Wikipedia

Professionellen Medienmachern fällt es schwer, die nicht-kommerziellen Anbieter auf dem Informationsmarkt als Konkurrenz zu betrachten. Eine Fehleinschätzung: Ein Einzelner mag vielleicht nicht gegen eine gut ausgestattete Redaktion anschreiben können. Doch im Netz ist keiner allein. Die Möglichkeiten, sich zusammenzuschließen sind unbegrenzt.

Genau das passiert bei der Online-Enzyklopedie Wikipedia, die ausschließlich aus Beiträgen der Nutzer besteht. Jeder hat die Möglichkeit, neue Wörter zu erklären oder alte Definitionen zu überarbeiten. Inhaltliche Fehler können also jederzeit korrigiert werden. Bei Wikipedia zeigt sich Schwarm-Intelligenz: Mag der einzelne Fisch auch daneben liegen - der Schwarm wird es korrigieren. Mittlerweile erhält die Online-Enzyklopädie über 300 Millionen Zugriffe im Monat. Seit Mai 2001 wurden mehr als 200.000 deutsche Artikel von den Usern eingepflegt. Derweil gibt es Wikipedia in mehr als 100 Sprachen. Darunter so exotische wie Aragonesisch, Färöisch, Javanesisch, Nauruisch oder Zulu. Wikipedia ist das Musterbeispiel der Inhaltsvariante der Open-Source-Bewegung.

Seit Ende 2004 gibt es mit Wikinews nun auch eine tagesaktuelle "freie Nachrichtenseite". Mit ihr wird versucht, der Idee des Bürgerjournalismus neuen Auftrieb zu geben. Wie die Initiatoren schreiben, basiert sie auf dem Glauben, "dass wir gemeinsam eine großartige und einzigartige Nachrichtenquelle aufbauen können." Die Stärken von Wikinews werden wahrscheinlich nicht in der analytischen Reflexion überregionaler politischer Ereignisse liegen. Doch in der lokalen Berichterstattung könnte der neue Bürgerjournalismus Punkte machen.

Für die stark ausgedünnten Zeitungsredaktionen sind Aufwand und Kosten zu groß geworden, einen Journalisten für die Berichterstattung über die Premiere einer Kleinkunstbühne loszuschicken. Nicht so für einen Wikinews-Autor, der sowieso die Aufführung besucht und Lust hat, über das, was er sieht, zu schreiben. Allen kulturpessimistischen Stimmen und Pisa zum Trotz: Das Internet führt nicht zur Auflösung der Wortkultur. Im Gegenteil: Es beflügelt den schriftlichen Meinungsaustausch. Ein Stück weit ist die Utopie der New Economy wahr geworden: mit dem Internet einen Kommunikationsraum zu schaffen, der Menschen verbindet und den freien Meinungsaustausch fördert.

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