Dienstag, 17. Oktober 2017

Ex-Arcandor-Chef winkt vorzeitige Haftentlassung Thomas Middelhoff - sein neues Leben nach dem Knast

Thomas Middelhoff plant sein neues Leben nach der Haftentlassung.
Robert Freund
Thomas Middelhoff plant sein neues Leben nach der Haftentlassung.

Für den ehemaligen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff ist Anfang November vielleicht schon Weihnachten: Ihm winkt die vorzeitige Haftentlassung. Für die Zeit danach plant er seinen Umzug nach Hamburg - und weitere Bücher.

Der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff (64), der 2014 vom Landgericht Essen wegen Untreue zu drei Jahren Haft verurteilt worden war, hat gute Chancen, Anfang November 2017 freizukommen. Eine vorzeitige Haftentlassung nach zwei Dritteln verbüßter Strafe sowie die jedes Jahr verkündete Weihnachtsamnestie in Nordrhein-Westfalen könnten das nach Informationen von manager-magazin.de möglich machen. Middelhoff ist derzeit Freigänger in der Strafvollzugsanstalt Bielefeld.

Am 24. November 2017 hätte der ehemaliger Topmanager zwei Jahre seiner Strafe verbüßt. In der Regel werden Gefangene, die wie er Ersttäter sind, sich während der Haftzeit nichts zuschulden kommen ließen und für die es eine gute Resozialisierungsprognose gibt, nach zwei Dritteln der Haft entlassen. Die Staatsanwaltschaft ist sogar verpflichtet, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Das hat die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Bielefeld in der vergangenen Woche auch getan, wie das Gericht manager-magazin.de bestätigte (Aktenzeichen 100 StVK 3164/17). Entscheiden wird über den Antrag die 18. Strafvollstreckungskammer.

Wenn das Gericht der vorzeitigen Entlassung zustimmt, könnte Middelhoff zusätzlich in den Genuss einer Weihnachtsamnestie kommen, die das Justizministerium in Nordrhein-Westfalen regelmäßig verkündet. Im Vorjahr waren alle Häftlinge, die sich keine Disziplinarverfahren eingehandelt haben und normalerweise zwischen dem 5. November und dem 6. Januar freigekommen wären, einige Wochen früher entlassen worden. Nach Angabe des Düsseldorfer Ministeriums wird es auch für 2017 eine Weihnachtsamnestie geben, allerdings sei bislang kein entsprechender Erlass ergangen, deshalb gebe es auch noch keine konkreten Daten.

Middelhoff war am 14. November 2014 unmittelbar nach der Urteilsverkündung wegen angeblicher Fluchtgefahr noch im Essener Gerichtssaal verhaftet worden. Da die Strafkammer unterstellte, dass er Selbstmord begehen könnte, wurde in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Essen über mehrere Wochen lang nachts alle Viertelstunde das Licht eingeschaltet und Middelhoff musste ein Lebenszeichen geben. Wahrscheinlich durch den Schlafentzug zog sich der Gefangene eine lebensgefährliche Autoimmunkrankheit zu, die laut Middelhoff vom Anstaltsarzt als Fußpilz behandelt wurde. Mehrere seiner Organe wurden irreparabel geschädigt. Middelhoff musste sich am Herzen operieren lassen. Über seine Haftzeit hat er ein Buch geschrieben ("A 115 - der Sturz), das Anfang September erschien und unter anderem die Zustände im nordrhein-westfälischen Strafvollzug anprangert.

Aufgrund seines bedrohlichen Gesundheitszustands war Middelhoff nach fünfeinhalb Monaten zunächst aus dem Gefängnis entlassen worden. Ein gutes Jahr lebte er in Freiheit und ließ sich medizinisch behandeln. Am 13. Mai 2016, zwei Tage nach seinem 63. Geburtstag, trat er die Fortsetzung seiner Haft in der Vollzugsanstalt Bielefeld an. Tagsüber arbeitet er seitdem mit großem Engagement, wie seine Vorgesetzten anerkennen, in der Behindertenbetreuung der Bodelschwingschen Stiftungen. Monatlich bekommt er zwei freie Tage, an denen er abends nicht ins Gefängnis zurückkehren muss. Den Hafturlaub verbringt er regelmäßig in Hamburg bei seiner neuen Lebensgefährtin.

Middelhoff sorgt sich offenbar nicht, dass sich die in seinem Buch geäußerte Kritik am Landgericht Essen und an seinen Haftbedingungen negativ auf die Entscheidung über seine vorzeitige Freilassung auswirken könne. Sein Verteidiger Sven Thomas hat das Manuskript vorab gelesen und Entwarnung gegeben.

Allerdings hält sich Middelhoff eine hohe Prinzipientreue zugute und hätte kaum von der Veröffentlichung abgesehen, auch wenn er Nachteile hätte befürchten müssen. Er wollte seine Erlebnisse unbedingt publizieren. Seine Familie sagt, er sei bei solchen Entscheidungen ähnlich stur wie sein Großvater: ein Wehrmachtsoffizier, der länger als nötig in russischer Kriegsgefangenschaft war, weil er bei seiner Truppe bleiben wollte. Damit zog er sich den Zorn seiner Angehörigen zu.

Das Buch "A 115 - der Sturz" (A 115 war Middelhoffs Zellennummer in Essen) steht auf den Bestsellerlisten. Der Verlag Langen/Müller bereitet bereits die zweite und dritte Auflage vor. Middelhoff, der während seiner Haft Privatinsolvenz anmeldete, wird an seinen freien Tagen im Oktober bei der Frankfurter Buchmesse auftreten.

Thomas Middelhoff: "So funktioniert Corporate Germany"

Sein Insolvenzverwalter Thorsten Fuest versucht derzeit, auf das Autorenhonorar zuzugreifen. Middelhoff macht demgegenüber geltend, dass Freunde, die ihm Geld geliehen hätten, Anspruch auf die Tantiemen haben.

Thomas Middelhoff plant weitere Bücher, in denen er seine Haftzeit verarbeiten will. Unter anderem denkt er an einen Ratgeber für Menschen, die - ähnlich wie er - einen plötzlichen und tiefen Absturz erlebt haben. Künftig wird er in Hamburg leben, zusammen mit seiner Partnerin, einer Journalistin.

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