Montag, 26. September 2016

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Asylsuchende bräuchten 15 Jahre Hilfe Bayer-Chef erwartet jahrelange Alimentierung der Flüchtlinge

"Sehr viel Zeit und Mühe": Bayer-Chef Marijn Dekkers warnt vor zu großen Erwartungen. Bis die Mehrheit der Flüchtlinge in Deutschland wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen könnte, werde mehr als ein Jahrzehnt vergehen

Die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt ist nach Ansicht von Bayer-Chef Marijn Dekkers eine langwierige Aufgabe. Der gebürtige Niederländer, den das manager magazin Ende 2014 zum "Manager des Jahres" gekürt hatte, ist überzeugt: "Es wird sehr viel Zeit und Mühe kosten, die Flüchtlinge auf das Niveau zu bringen, das man in Deutschland als Arbeitnehmer mitbringen muss, um eine Beschäftigung zu finden", sagte Dekkers der "Welt am Sonntag". Der Staat werde das über Jahre hinweg subventionieren müssen.

Man dürfe sich keinen Illusionen hingeben. "Bis die große Mehrheit der Asylsuchenden wirklich unabhängig von staatlicher Hilfe sein wird und ihr eigenes Einkommen verdient, werden mindestens 15 Jahre vergehen", sagte der Chef des Chemie- und Pharmakonzerns. Die Versorgung der vielen Asylsuchenden könne kurzfristig für wirtschaftliche Impulse in Deutschland sorgen. Doch dürfe man die Erwartungen an ihre Integration nicht zu hoch ansetzen: Die deutschen Arbeitskräfte seien extrem gut ausgebildet. Das lasse sich nicht so leicht kopieren.

Diese Offenheit eines erfolgreichen Top-Managers in der aktuell teils sehr aufgeheizten öffentlichen Diskussion um Flüchtlinge überrascht. Andere Konzernchefs äußerten sich da bislang optimistischer, appellierten eher an das Mit- und das Wir-Gefühl, stellten Flüchtlinge vor allem als eine Chance für Deutschland dar. Zwar sieht Dekkers seine weitere berufliche Zukunft bekanntlich nicht unbedingt in Deutschland. Aber der Bayer-Konzern ist alles andere als einer fremdenskeptischen Gesinnung verdächtig:

Bayer steht für kulturelle Vielfalt. "Eine vielfältige Mitarbeiterstruktur (Diversity) ist wesentlich für die künftige Wettbewerbsfähigkeit unseres Unternehmens", heißt es auf der Bayer-Website. In dem Konzernführungskreis sind 35 unterschiedliche Nationalitäten vertreten, gut zwei Drittel stammen aus dem Land, in dem sie tätig sind. Insgesamt arbeiten im Bayer-Konzern Menschen aus 150 verschiedenen Nationen. Offene Stellen schreibt der Konzern in einer weltweit zugänglichen Stellenbörse aus - herkömmliche Jobs aber auch Führungspositionen.

Chancen auf Beschäftigung der Flüchtlinge unter Ökonomen umstritten

Auch der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie dämpft allzu große Erwartungen. "Wer Qualifikationen mitbringt, hat bei uns gute Chancen", sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Heiko Stiepelmann dem Berliner "Tagesspiegel am Sonntag". Wer aber keine Ausbildung zum Facharbeiter gemacht habe, "ist bei uns am Bau praktisch nicht einsetzbar", betonte der Funktionär der Bauindustrie.

Knapp ein Euro Stundenlohn: Bilal aus Pakistan arbeitet in der Kantine in der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen (Baden-Württemberg). In Baden-Württemberg gibt es mehrere hundert Flüchtlinge, die in ihren Unterkünften arbeiten. Die Chancen der Flüchtlinge auf dem regulären Arbeitsmarkt werden teils sehr skeptisch eingeschätzt
Der Chefökonom der Deutschen Bank hob am Sonntag vor allem die Chance für das alternde Deutschland hervor, die die zahlreichen Flüchtlinge für das Land sein könne. Denn hierzulande würden die Arbeitskräfte knapp, die wirtschaftliche Dynamik drohe zu erodieren, betonte David Folkerts-Landau in einer Analyse.

Als eine langfristig lohnende Investition interpretierten zuletzt Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die Integration von Flüchtlingen. Die kurzfristigen Kosten seien zwar "zweifellos massiv", schreiben Institutschef Marcel Fratzscher und Simon Junker, der Leiter der DIW-Konjunkturabteilung. Die zusätzliche Nachfrage werde aber über Multiplikatoreffekte auch den Wohlstand der Alteingesessenen steigern.

DIW: Nutzen der Investition könnten Kosten schon 2018 übersteigen

In einem optimistischen Szenario des DIW würde der Nutzen die Kosten ab 2018 übersteigen. Langfristig würden die Pro-Kopf-Einkommen derer, die bereits in Deutschland leben, um fast 1 Prozent steigen. Ein pessimistisches Szenario gibt es auch, in dem in zehn Jahren noch die Hälfte der Flüchtlinge arbeitslos ist und diejenigen, die arbeiten, nur gut halb so produktiv sind wie die Veteranen des Arbeitsmarkts. Dann wäre der Wohlstandsgewinn eher gering und erst in etwa zwölf Jahren da.

Der zweiten, eher pessimistischen Simulationsrechnung scheinen andere Ökonomen näher zu stehen. "Hoffnungen, die aktuelle Flüchtlingswelle könnte die wirtschaftlichen Folgen des demografischen Problems in Deutschland nennenswert lösen, werden sich wohl als Illusion erweisen", betont etwa Ökonom Jörn Quitzau vom Bankhaus Berenberg.

Raffelhüschen rechnet mit massiven Steuererhöhungen

Der Freiburger Finanzwissenschaftler und Anhänger der Initiative "Neue Soziale Marktwirtschaft", Professor Bernd Raffelhüschen, warnte vor knapp drei Wochen öffentlichkeitswirksam vor massiven Steuererhöhungen angesichts der vielen aufgenommenen Flüchtlinge in Deutschland.

Schon heute belasteten einige Hunderttausend unqualifizierte Arbeitslose die Sozialkassen. Gut 70 Prozent der mindestens eine Million Flüchtlinge, die dieses Jahr nach Deutschland kommen, seien ebenfalls unqualifiziert. Die Kosten dafür könne die Politik nicht den sozialen Sicherungssystemen aufbürden, sondern müsse die Steuern erhöhen, sagte Raffelhüschen Mitte Oktober vor einer Fachtagung der Steuerberaterkammer Mecklenburg-Vorpommerns.

Raffelhüschen ist bekennender Befürworter einer strengen Kontrolle von Zuwanderung in Deutschland, wie sie auch rechtskonservative politische Vertreter immer wieder fordern - bis hin zur Pegida-Bewegung.

Deutschland sei "das einzige Einwanderungsland der Welt ohne Regeln." Eine Regel müsse lauten: "Zuwanderung gerne, aber bitte in den Arbeitsmarkt." Deutschland könne da von anderen Ländern wie etwa den USA lernen. Deren Willkommenskultur finde in Konsulaten statt. "Denen, die man nicht gebrauchen kann, wird die Einreise verweigert" - eine Position, von der sich Bayer-Manager Dekkers sicherlich distanzieren würde.

Die Commerzbank schätzt die direkten zusätzlichen Aufwendungen des Staates für Flüchtlinge auf rund 7 Milliarden Euro im laufenden und 17 Milliarden Euro im kommenden Jahr. Hinzu kämen Aufwendungen etwa für zusätzliche Stellen für Lehrer, Erzieher oder Sozialarbeiter.

rei mit Nachrichtenagenturen

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