Montag, 24. Juli 2017

Georg Funke vor Gericht, Gerhard Bruckermann abgetaucht Das ist der Gewinner der Hypo-Real-Estate-Affäre

Dann war er weg: Gerhard Bruckermann (r) reicht Georg Funke die Hand zum Verkauf der Depfa Bank am 23. Juli 2007 - eine Woche später schlug die Finanzkrise mit einer Gewinnwarnung der IKB in Deutschland ein
Bloomberg via Getty Images
Dann war er weg: Gerhard Bruckermann (r) reicht Georg Funke die Hand zum Verkauf der Depfa Bank am 23. Juli 2007 - eine Woche später schlug die Finanzkrise mit einer Gewinnwarnung der IKB in Deutschland ein

Es sind ziemlich alte Geschichten, die jetzt vor dem Landgericht München I ausgegraben werden. Zehn Jahre liegt das Geschehen zurück, dessen sich Georg Funke - damals Chef des Dax-Konzerns Hypo Real Estate - ab diesem Montag verantworten muss. Funke hat zu seiner Verteidigung eine umfangreiche "Streitschrift" vorbereitet. Der Ex-Chef der HRE sieht sich natürlich als Opfer.

Die Schuld daran, dass die HRE mit bis zu 124 Milliarden Euro Staatsgarantie gerettet werden musste und die Steuerzahler nach bisherigem Stand knapp 17 Milliarden Euro kostete (das Schicksal der noch mit 87 Milliarden bewerteten Bad Bank FMS ist offen), steht beim Prozess nur indirekt zur Debatte.

Vorsichtshalber verweist Funke aber auf andere, die mit ihrem Krisenmanagement angeblich erst dafür gesorgt hätten, dass der Schaden so groß wurde: Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, die US-Akteure, die mit Lehman Brothers auch den Interbankenmarkt kollabieren ließen.

Der Fall zeigt exemplarisch, was auch für die Finanzkrise insgesamt gilt: Es ist nicht verboten, mit Fehlspekulationen die Weltwirtschaft an den Rand des Ruins zu treiben. Mit den Mitteln der Justiz lassen sich Verantwortliche für den Schaden daher nicht dingfest machen. Selbst wenn Funke als das deutsche Gesicht der Krise verurteilt würde, dann allenfalls für mögliche Falschangaben in der Bilanz.

Zumindest als Zeuge aber könnte ein Mann interessant werden, der bisher gar nicht im Visier von Ermittlern stand, der auch für den Untersuchungsausschuss des Bundestags zur Bankenkrise nicht zu sprechen war - und der doch entscheidenden Anteil an dem "Kapital-Verbrechen" (Der Spiegel) hatte.

Auf und davon mit 120 Millionen - Bruckermanns goldener Abgang

Während man Pleite-Banker Georg Funke zumindest ein sensationell schlechtes Timing vorwerfen kann, gilt das Gegenteil für Gerhard Bruckermann. Der verkaufte seine Depfa Bank für 5,7 Milliarden Euro an die Hypo Real Estate und brachte damit einen Gutteil der Risiken ein, für die heute die Bundesrepublik geradestehen muss.

Der Deal wurde just im Juli 2007 besiegelt - eine Woche, bevor mit einer Gewinnwarnung der Mittelstandsbank IKB die Krise in Deutschland einschlug.

Für Bruckermann persönlich, bis dahin bereits einer der höchstbezahlten Manager in Europa, bot der Deal die Chance für einen goldenen Abgang. Rund 120 Millionen Euro Abfindung in bar sowie Hypo-Real-Estate-Aktien konnte er kassieren.

Da keine Haltefrist vereinbart wurde, durfte Bruckermann auch den Erlös sofort realisieren, bevor die Aktien wertlos wurden. Auf den angebotenen Vizeposten im Aufsichtsrat verzichtete er weise und ließ nichts mehr von sich hören.

Gerhard Bruckermann: Der Depfa-Chef kassierte 120 Millionen Euro und machte sich sogleich aus dem Staub

Bruckermann war ebenso wie Funke ein Außenseiter in deutschen Bankerkreisen, der aber in den boomenden 2000er Jahren ein großes Rad drehte. Als CEO der Depfa Bank hatte er die biedere Kommunalfinanzierung zum Renditeturbo aufgedreht, der sogar Ackermann neidisch werden ließ.

Die damals schon als problematisch geltenden deutschen Immobilienkreditrisiken lagerte er in der Aareal Bank aus, verlegte den Firmensitz nach Dublin - fern von deutscher Steuer und Bankenaufsicht - und das hauseigene Investmentbanking ins zyprische Nikosia.

Abgetaucht in einen Schweizer Nobelort

Das Zauberwort für den damaligen Erfolg und späteren Misserfolg der Depfa aber hieß Fristentransformation: Die Bank vergab langfristige Kredite, lieh sich das Geld aber möglichst kurzfristig. Ein hochriskantes Modell, wie allen Akteuren bewusst war. Nur bis kurz vor Bruckermanns Abgang lief eben alles noch gut.

Seitdem haben sich verschiedene Journalisten daran versucht, dieses Phantom der deutschen Finanzwelt zu finden. Mal wurde Bruckermann auf seiner Orangenplantage in der südspanischen Provinz Huerta vermutet, mal kaufte seine Frau ein Millionenanwesen in Florida - um es kurz darauf wieder zu verkaufen.

Zwischenzeitlich arbeitete er als Vorstand für die Mikrokreditfirma AMK in Kambodscha, dann für die von Marcus Fedder geführte Firma Agora Microfinance in London. Letzter Stand ist laut einem Bericht von SPIEGEL ONLINE 2014, dass die Bruckermanns sich in einen Nobelort im Schweizer Kanton Graubünden zurückgezogen haben.

Newsletter von Arvid Kaiser

In der Schweiz ist auch sein früherer Stellvertreter aktiv. Matthias Mosler, der zuvor als Deutschland-Chef der später ebenfalls gestrauchelten Investmentbank Merrill Lynch bekannt wurde und seine Bankkarriere als Assistent der Deutsche-Bank-Legende Alfred Herrhausen begonnen hatte, arbeitet heute als Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Kieger in Zürich.

Dessen Vorgänger und letzter Aufsichtsratschef der Depfa hat gemeinsam mit seiner Frau die Thomas und Ulla Kolbeck Stiftung in München ins Leben gerufen - registriert 2008, ein Jahr nach dem Geldsegen von der Hypo Real Estate. Die Stiftung vergibt Stipendien für Sozialwissenschaftler. Eine der Referenzen ist die Mikrokreditfirma AMK.

Und auch dem Skandaljournalismus gilt das Interesse der Depfa-Veteranen, als eine der "globalen gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts". Zu Missständen im internationalen Finanzsystem ist in der Präsentation der Stiftung hingegen nichts zu lesen.

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