Sonntag, 19. November 2017

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"The Captain Class" von Sam Walker Warum die besten Leader Wasserträger sind

Pittsburgh, Puskas und Puyol: Die besten Teams der Welt
Fotos
Sports Illustrated/Getty Images

Warum war Pelé, für viele der beste Fußballer aller Zeiten, gesegnet mit flinken Füßen, massig Spielwitz und ebenso viel Charisma, nie Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft? Warum trugen bei Brasiliens WM-Triumphen 1958 und 1962 die heute weit weniger bekannten Verteidiger Bellini und Mauro die Kapitänsbinde, während ein paar Meter weiter vorne eine Fußball-Ikone Tor um Tor schoss?

Buchtipp
Random House

Sam Walker
The Captain Class: The Hidden Force That Creates the World's Greatest Teams

Random House, Taschenbuch, 352 Seiten, Mai 2017, Sprache: Englisch, 13,99 Euro

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Der Grund für Pelés Zurückhaltung, schreibt "Wall-Street-Journal"-Journalist Sam Walker in seinem neuen Buch "The Captain Class", trifft den Kern der brasilianischen Dominanz in den frühen 1960er Jahren: "Die Stars wussten, dass sie niemals effektive Kapitäne sein konnten, und die Kapitäne wie Bellini, Mauro und [Carlos Alberto] Torres wussten, dass sie niemals Stars sein konnten. In Brasilien war die einzige Rolle, die einem Leader übrig blieb, die des Wasserträgers."

"The Captain Class" sucht nach der "versteckten Kraft, die die besten Teams der Welt erschafft". Walker muss diese Teams dazu erst einmal identifizieren. Schon die Schilderung des Aussiebeprozesses, der etwa den FC Bayern München der frühen 1970er Jahre, Michael Jordans Chicago Bulls, aber auch schottische Tauzieher von der Liste eliminiert, ist lesenswert; die Diskussion des Erfolgsfaktors "Kapitän" ist es allerdings, die das Werk auch für Wirtschaftskreise interessant und wertvoll macht.

Ein Plädoyer gegen allzu flache Hierarchien

Walker weiß, dass er gegen den Zeitgeist schreibt: Kapitäne würden immer weniger Wertschätzung erfahren, auch in der Geschäftswelt setzten sich - ausgehend vom Silicon Valley - häufiger flache, auf Agilität abzielende Hierarchien durch. "The Captain Class" lässt sich auch als Plädoyer gegen diesen Trend lesen. Und gegen Aufschneider, die Führungspositionen vor allem ob des damit verbundenen Ansehens anstrebten: Wirklich gute Führungspersönlichkeiten nähmen sich selbst nicht so wichtig.

Außerdem sei der Talentpool für gute Leader gar nicht mal so klein. Die Menschen seien bloß zu sehr damit beschäftigt, nach den "transformational knights in shining armor", also den vermeintlichen Superchefs, Ausschau zu halten, sodass die viel wahrscheinlichere Alternative häufig außen unbeachtet bleibe: "Es gibt hunderttausende potenziell innovative Führungspersönlichkeiten mitten unter uns. Uns fehlt bloß die Fähigkeit, sie zu erkennen."

"The Captain Class" ist kein Leitfaden, um die Fähigkeiten und Fertigkeiten guter Führung zu erlernen. Das verspricht der Autor auch nicht. Walker liefert allerdings viele wichtige Gedankenansätze, um über die eigene Rolle in Teams beziehungsweise als Führer derselben nachzudenken. Dazu hat er die Sportler selbst, viele Weggefährten, aber auch Psychologen und andere Wissenschaftler interviewt.

Der Haka und die Spiegelneuronen

Gekonnt verwebt er so Anekdoten aus dem Leben seiner 16 Kapitäne mit Erkenntnissen aus Neurologie und Arbeits- und Organisationspsychologie. Den neuseeländischen Haka-Kriegstanz, den das Rugby-Team der Insel vor Spielen aufführt, um sich selbst zu motivieren und den Gegner einzuschüchtern, erklärt er etwa mit der Funktion von Spiegelneuronen im Gehirn.

Was macht also einen guten Team-Leader aus? Walker selbst fasst seine Erkenntnisse am Ende seines durchweg lesenswerten Buches mit den Worten des chinesischen Philosophen Laotse zusammen: Gut geführt, sage ein Team am Ende einer Aufgabe: "Das haben wir selbst hinbekommen!"

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