Samstag, 10. Dezember 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Neue "Economist"-Chefredakteurin "Sorry! Wir Briten halten mit niemandem Händchen"

Mag Vinylschallplatten: Zanny Minton Beddoes, Chefredakteurin des "Economist"

London hat eine neue Eiserne Lady: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE liest die "Economist"-Chefredakteurin Deutschland die Leviten. Zanny Minton Beddoes über Reformstillstand in der Bundesrepublik - und Berlins falsche Belehrungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Interviews haben Sie eigentlich gegeben, seit Sie vor gut hundert Tagen Chefredakteurin des "Economist" geworden sind?

Beddoes: Lassen Sie mich mal nachdenken! Einige in Deutschland, ein paar für französische Medien sowie einige TV-Interviews in den USA. Und in Italien war auch was mit dem "Corriere della Sera".

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das große Interesse?

Beddoes: Hoffentlich liegt es an den Innovationen, die wir gerade umsetzen: unsere zweisprachigen App auf Englisch und Mandarin, unsere Videosparte, unser neues Team für Datenjournalismus. Aber natürlich spielt auch eine Rolle, dass ich die erste Frau an der Spitze des "Economist" bin.

SPIEGEL ONLINE: Ganz ehrlich: Wir säßen vermutlich nicht hier, wenn Sie ein Mann wären. Nervt es Sie, wenn sich Journalisten nur für Sie interessieren, weil sie die erste Frau in dieser Funktion sind?

Zanny Minton Beddoes
Zanny Minton Beddoes ist seit Februar 2015 Chefredakteurin des britischen Wochenmagazins "Economist". Der Redaktion gehört sie seit 1994 an. Zuvor arbeitete die studierte Volkswirtin mit Abschlüssen aus Oxford und Harvard für den Internationalen Währungsfonds. Beddoes, Tochter einer Deutschen, hat selbst zwei Kinder. Der 1843 gegründete "Economist" erlebte in den vergangenen Jahren einen in der Medienbranche beispiellosen Höhenflug und konnte seine weltweit verkaufte Auflage von rund 1 Million auf 1,6 Millionen Exemplare steigern. 2014 war der Umsatz des Verlags allerdings erstmals seit Langem zurückgegangen.
Beddoes: Nein, genervt bin ich nicht. Aber die Heftigkeit der Reaktionen hat mich schon überrascht. Das Interesse zeigt mir: Es ist noch ein weiter Weg, bis es ganz normal ist, dass eine Frau Chefredakteurin wird.

SPIEGEL ONLINE: Rund drei Viertel Ihrer Leser sind männlich. Übertroffen werden Sie in der Hinsicht vermutlich nur noch vom "Playboy". Ist das Interesse an Ihrer Person nicht auch deshalb so groß?

Beddoes: Ironischerweise werden wir häufig so wahrgenommen: Als dröge Zeitschrift für Geschäftsleute - und die sind nun einmal überwiegend männlich. Aber wir decken alle Lebensbereiche ab, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur. Und dabei vertreten wir einen zutiefst liberalen, emanzipatorischen Anspruch. Das sollte eigentlich auch Frauen ansprechen.

SPIEGEL ONLINE: Und die Frauen verstehen das einfach nicht? Vielleicht müssen Sie an ihrem Image arbeiten.

Beddoes: Ich glaube nicht an Image-Kampagnen. Wir müssen durch unsere Inhalte überzeugen.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland verkauft der "Economist" 64.000 Exemplare. Haben Sie ihr Potenzial damit ausgeschöpft?

Beddoes: Ganz sicher nicht. Wir bezeichnen die Zielgruppe des "Economist" als "Progressives", das sind laut unserer Marktforschung weltweit rund 73 Millionen Menschen, und ganz sicher auch viele in Deutschland. Ich habe Verwandte hier, die definitiv zur Zielgruppe zählen, aber auch die lesen uns nicht. Selbst wenn sie aus Höflichkeit mir gegenüber inzwischen den "Economist" erwähnen.

SPIEGEL ONLINE: Kann es sein, dass die liberalen Werte, für die der "Economist" steht, in Deutschland einfach nicht besonders populär sind? Unsere liberale Partei, die FDP, liegt in Umfragen bei sechs Prozent.

Beddoes: Mag sein, zumindest werde ich in Deutschland und auch in Frankreich gelegentlich damit konfrontiert, dass wir eine Horde neoliberaler Verrückter sind, die unablässig Margaret Thatchers Marktfundamentalismus predigen.

SPIEGEL ONLINE: Möglicherweise entspricht die Distanz der Deutschen zum "Economist" einfach der politischen Distanz zwischen der Bundesrepublik und dem Vereinigten Königreich. Warum gab es zwischen beiden Ländern nie so etwas wie einen Verdun-Moment: Helmut Kohl und François Mitterrand, Hand in Hand?

Historisches Händchenhalten: Mitterand und Kohl 1984 in Verdun
Beddoes: Sorry, wir Briten halten mit niemandem Händchen! Aber abgesehen von solcher Symbolpolitik herrscht derzeit zwischen Angela Merkel und Premierminister David Cameron eine deutlich produktivere Arbeitsbeziehung als zwischen der Kanzlerin und dem französischen Präsidenten François Hollande. Cameron bewundert Merkel zutiefst wegen ihrer Wahlerfolge und der starken deutschen Wirtschaft. Und Merkel sieht in Cameron einen nützlichen Verbündeten für freie Märkte und gegen eher dirigistisch geprägte Länder, inklusive Frankreich.

SPIEGEL ONLINE: Falls sich die Briten im anstehenden Referendum für einen EU-Austritt entscheiden, wird Merkel diesen Verbündeten verlieren. Sollte die EU Großbritannien entgegenkommen?

Beddoes: Für Großbritannien wäre es Wahnsinn, die EU zu verlassen. Und auch die EU braucht die Briten: als marktwirtschaftliches Korrektiv.

SPIEGEL ONLINE: Konkret: Sollte die EU den britischen Forderungen nachkommen und zum Beispiel die Freizügigkeit innerhalb der EU einschränken, damit weniger Osteuropäer nach London kommen?

Beddoes: Auf keinen Fall, die Freizügigkeit innerhalb der EU ist nicht verhandelbar. Aber Freizügigkeit muss nicht automatisch den Anspruch auf Sozialleistungen im Gastland einschließen. Die Dimension des Sozialleistungstourismus in der EU wird gnadenlos übertrieben. Aber trotzdem kann es nicht schaden, darüber zu debattieren, unter welchen Bedingungen EU-Bürger Zugang zu Sozialleistungen haben. In den meisten Staaten gibt es da einiges zu verbessern, auch in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland ist im Moment sehr stolz auf seine hervorragende wirtschaftliche Lage.

Beddoes: Deutsche Unternehmen sind sehr gut darin, genau die Art von Waren herzustellen, die derzeit auf dem Weltmarkt gefragt sind. Das ist eine unternehmerische Leistung, auf die man zu recht stolz sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Aber?

Beddoes: Diese Exporterfolge werden klar vom schwachen Euro begünstigt. Deutschland blendet gerne aus, dass die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank ganz wesentlich zum gegenwärtigen Wirtschaftsboom beiträgt.

SPIEGEL ONLINE: Die Europäische Zentralbank druckt ja nicht so viel Geld, um Deutschland einen Gefallen zu tun, sondern um endlich die Wirtschaft im Süden Europas anzukurbeln.

Beddoes: Was insbesondere nötig wurde, weil Deutschland gegen jede ökonomische Vernunft auf einem strikten Sparkurs zum Beispiel in Griechenland beharrt. Obwohl es viel vernünftiger wäre, sich dort auf Wirtschaftsreformen zu konzentrieren und den Sparkurs mit etwas mehr Geduld anzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber zeigt nicht gerade das Beispiel Deutschland, dass nur harte Reformen und Haushaltsdisziplin auf lange Sicht zu Wachstum führen? Vor zehn Jahren galt die Bundesrepublik noch als kranker Mann Europas.

Beddoes: Das ist schon eine seltsame Ironie. Als Gerhard Schröder die Hartz-Reformen verabschiedete, stellte er gleichzeitig das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts zurück. Er erwirkte in Brüssel sogar eine Ausnahme von den europäischen Defizitkriterien. Nun predigt Deutschland dem Rest Europas unter Verweis auf die eigenen Reformen genau das Gegenteil: dass nur Strukturreformen und Sparkurs gleichzeitig zum Erfolg führen. Und um die Ironie komplett zu machen, hat Deutschland in den vergangenen Jahren die eigenen Reformbemühungen völlig eingestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wir sind eben so sehr damit beschäftigt, den Rest Europas zu erziehen, dass wir kaum Zeit haben, uns um eigene Reformen zu kümmern.

Beddoes: Das Belehren ist nicht so sehr das Problem. Die Lehre ist es. Deutschland neigt dazu, die Ursachen des eigenen Erfolgs falsch zu interpretieren und leitet daraus teilweise falsche Handlungsempfehlungen ab. Das gilt auch für die deutsche Wahrnehmung, dass ein hoher Exportüberschuss ein Zeichen der Stärke sei. Manchmal hat man ja den Eindruck, dass sich deutsche Ökonomen denken: Oh, wenn doch bloß alle Staaten einen so hohen Exportüberschuss hätten wie wir! Was aber leider schon mathematisch unmöglich ist, weil die Überschüsse der einen Staaten durch entsprechende Defizite der anderen Staaten ausgeglichen werden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie es befremdlich, wie weit sich die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland vom internationalen ökonomischen Mainstream entfernt hat?

Beddoes: Dieses ganze deutsche Konzept der Ordnungspolitik kommt mir ziemlich schräg vor. Von außen ist das sehr schwer zu verstehen: Warum sind die Deutschen so besessen von der Stabilität? Warum sind Regeln für sie ein Selbstzweck?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Antworten?

Beddoes: Natürlich kann man vieles davon mit der deutschen Geschichte erklären. Oder auch mit der Tatsache, dass es in deutschen Ministerien deutlich mehr Juristen als Volkswirte zu geben scheint. Juristen mögen nun einmal Regeln.

SPIEGEL ONLINE: Wenn wir schon über Beharrungskräfte reden: Wann ändern Sie endlich das angestaubte Layout des "Economist" - nur Bleiwüsten, kaum Bilder?

Beddoes: Angestaubt? Ich würde es eher funktional nennen. Unser Layout mag altmodisch sein, aber Vinyl-Schallplatten sind auch altmodisch. Die gelten als retro. Und cool.

Nachrichtenticker

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH