Samstag, 26. Mai 2018

Wer entbeint am besten? Tönnies, Hoeneß und der Zerlege-Wettbewerb

Ausbeinen als Leidenschaft: Ohne Fleischunternehmer und Schalke-Boss Clemens Tönnies gäbe es die Deutsche Zerlege-Meisterschaft in Rheda-Wiedenbrück wahrscheinlich nicht
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Ausbeinen als Leidenschaft: Ohne Fleischunternehmer und Schalke-Boss Clemens Tönnies gäbe es die Deutsche Zerlege-Meisterschaft in Rheda-Wiedenbrück wahrscheinlich nicht

Einer breiten Öffentlichkeit ist Clemens Tönnies vor allem in seiner Rolle als eine der ganz großen Nummern in der Fußball-Bundesliga bekannt. Sprich: Tönnies ist der Macher beim FC Schalke 04.

Vor allem Leser des manager magazins wissen zudem: Die zweite große Leidenschaft des 60-jährigen ist die industrielle Fleischproduktion. Als gelernter Fleischtechniker steht Tönnies an der Spitze eines der größten Unternehmen der Fleischindustrie in Europa, der Tönnies Lebensmittel GmbH & Co. KG (wo er sich seit nun schon geraumer Zeit und von mm-Lesern aufmerksam verfolgt einen epischen Machtkampf mit seinem Neffen Robert Tönnies liefert).

Hier also der Spitzensport, wo nichts so sehr zählt, wie Tore, Siege und Pokale (abgesehen von Unsummen an Geld natürlich). Und dort die Welt der Schweinehaxen, Koteletts und Grillwürste, die erst dann so recht in Ordnung ist, wenn in Schlachtbetrieben und Fabrikhallen die Knorpel knacken und das Blut spritzt.

Zwei Fachbereiche, so scheint es, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Gemeinsamkeiten? Fehlanzeige. Glaubt jedenfalls der Laie.

Ein Mann wie Clemens Tönnies hat jedoch einen anderen Blick auf die Dinge. Als visionärer Unternehmer ist er es gewohnt, in den ganz großen Zusammenhängen zu denken. Nur so kann er schließlich Berührungspunkte erkennen, wo andere Gegensätze vermuten.

Schutzpatron der "Deutschen-Zerlege-Meisterschaft"

Gemeinsam mit einem Messerhersteller aus Esslingen am Neckar rief Tönnies daher schon 2004 den Fleischerei-Wettbewerb "Deutsche Zerlege-Meisterschaft" ins Leben, der inzwischen sogar EU-weit ausgetragen wird. Tönnies befindet sich damit in bester Tradition beispielsweise eines gewissen Sylvester Stallone alias Rocky Balboa. Der hatte ja schon in den 70er Jahren erkannt, dass sich mit Schweinehälften durchaus mehr machen lässt, als Gulasch oder Döner.

Zum Beispiel sportliches Ausbeinen, und das in großer Zahl: Bei der Zerlege-Meisterschaft müssen die Teilnehmer in der Vorrunde jeweils drei Schweineschultern ausbeinen, und zwar "mit Waden", wie die Fachpresse anlässlich des ersten Wettbewerbs vor zwölf Jahren protokollierte.

Erst drei, dann fünf: Und alles für die Aktion Kinderträume

Im Finale dann gilt es für die Kombattanten sogar je fünf Schultern auszubeinen. So sieht es das Reglement des Wettbewerbs vor, und man kann sich gut vorstellen, wie lange wohl Fleischerei-Big-Shot Tönnies, Anpacker und Perfektionist, der er nun mal einer ist, persönlich an dem Regelwerk gefeilt haben muss.

Für alle, die es nicht wissen: Unter dem Ausbeinen oder auch Entbeinen versteht man das fachgerechte Herauslösen des Knochens aus dem Fleisch von Schlachttieren. Eine Tätigkeit also, die sich geradezu aufdrängt für einen fairen Wettkampf unter guten Sportsleuten.

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Wobei: Bei Tönnies' Zerlege-Meisterschaft steht zwar offenbar der Spaß der Fleischer am Ausbeinen im Vordergrund, keine Frage. Ausschließlich zum Vergnügen soll jedoch auch in der Fleischfabrik von Clemens Tönnies im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück, wo der Wettstreit ausgetragen wird, keine Schweineschulter entbeint werden. Das könnte sogar dem hartgesottensten Schlachtermeister ein wenig unmoralisch erscheinen.

Zeitgleich mit dem Ausbein-Wettkampf und offenbar als drittes großes Betätigungsfeld startete Multimanager Tönnies daher ebenfalls 2004 mit Kompagnons den Verein Aktion Kinderträume. Diesem Verein, der bedürftigen Kindern, Jugendlichen und deren Familien hilft, soll die große Ausbeinerei seither zu Einnahmen und Spenden verhelfen.

Einer der Co-Initiatoren des Vereins Aktion Kinderträume ist übrigens ein gewisser bayerischer Steuersünder namens Uli Hoeneß, ebenfalls (Ex-)Top-Sportfunktionär und Wurstfabrikant, und damit offenbar für Ausbein-König Tönnies neben dem Hollywood-Star Stallone/Balboa ein weiterer Bruder im Geiste. Aber das nur am Rande.

Viel wichtiger ist: So bekommt die Sache letztendlich doch noch ihr Gutes. Vor allem für Eltern sensibler Kinder: Sollte eines der Kleinen, was vorkommen soll, künftig einmal beim Abendessen weinend das tote Grillhähnchen streicheln und ankündigen, sich künftig dem Vegetarismus zuwenden zu wollen - kein Problem. Verweisen Sie einfach auf Clemens Tönnies, den Schalke-Boss und Fleischindustriellen, der das sportliche Ausbeinen von Schweineschultern organisiert, um Kindernot zu lindern.

Schlacht der Schlachter: Tönnies gegen Tönnies

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