Samstag, 3. Dezember 2016

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Ausgerechnet ein Brite Dieser Mann soll den drohenden Brexit für die EU abwenden

Jonathan Faull: Der Brite gegen den Brexit

Nigel Farage gibt gern so etwas wie den britischen Löwen - er grollt und faucht, um seine Landsleute davon zu überzeugen, aus der Europäischen Union (EU) auszutreten, den "Brexit" zu wagen. Entgegen den Warnungen der in Großbritannien so dominanten Finanzindustrie, entgegen dem Murren der anderen EU-Länder. In Kürze nun wird abgestimmt.

Und er hat offenbar Erfolg damit. Denn zumindest zwischenzeitlich hatten die Anhänger des Brexit die Nase vorn. Heute wiederum vermeldete "The Sun", die EU-Anhänger lägen mit 46 Prozent einen Punkt vor den EU-Gegnern. Allerdings: Die EU-Gegner machten im Vergleich zum Vormonat deutlich Boden gut, im Mai führten die Brexit-Gegner noch mit sechs Punkten Vorsprung. Ein knappes Rennen also.

Bis zum 23. Juni hat die EU noch Zeit, die öffentliche Meinung auf den britischen Inseln zu verschieben, hin zu mehr Wohlwollen. Die EU, das ist derzeit vor allem ein Mann. Jonathan Faull.

Jonathan Faull ist so etwas wie ein Karriere-Europäer. Seit mehr als dreißig Jahren arbeitet er für die EU-Kommission, ist im September vergangenen Jahres zum Vorsitzenden der "Task Force für strategische Fragen mit Blick auf das UK-Referendum" bestellt worden, so das sperrige EU-Deutsch. Eine echte Herkules-Aufgabe. Seine Waffe? Reden, immer wieder reden.

Dazu ist der studierte und polyglotte Jurist - fließendes Französisch- und gute passive Kenntnisse der deutschen, der niederländischen, der spanischen und der italienischen Sprache bescheinigt ihm der EU-Lebenslauf - viel unterwegs. Auch in London. Der Thinktank "New Financial" hatte am 2. Juni zu einem Dinner geladen, bei dem Faull als Redner auftrat. Und bereits vor Monaten traf der Brite in Brüssel auf Farage und weitere Emissäre der EU-feindlichen UK Independence Party (Ukip). "Danke, Jonathan, die Höhle des Löwen zu betreten", witzelte Ukip-Mann Paul Nuttall seinerzeit. Dann wurde Faull befragt. Wie, warum und ob die Kommission den Brexit zu verhindern gedenke. Die Antworten fanden offenbar nicht viel Beifall, wie "Bloomberg" berichtete.

Auch zuvor war Faull für die EU aktiv - und erklärte noch Anfang des Jahres, man könne sich eine Vereinbarung zwischen Großbritannien und der EU vorstellen, solange die vier Grundfreiheiten der EU gewahrt blieben, vor allem die der Freizügigkeit. Aber das sei natürlich Sache der nationalen Politik, wie die "BBC" berichtet. "Es gibt eine Dynamik, die auf einen sehr guten Ausblick führt, dass bald eine Einigung erzielt wird", orakelte Faull vor dem Europäischen Parlament. Nun indes steht das Referendum an.

Und die Sorge vor dem Brexit dürfte in Brüssel umgehen. Fabio Castaldo, ein italienisches Parlamentsmitglied von der Bewegung MoVimento 5 Stelle, formulierte diese Sorge bereits vor Monaten: "Was, wenn jeder eine Sonderbehandlung wollte?" Faulls Replik:"Niemand kann sie stoppen. Die Kommission wird respektvoll zuhören, wenn Mitgliedsstaaten Sorgen formulieren."

Faull selbst darf nicht abstimmen - er lebt seit mehr als 15 Jahren nicht mehr in Großbritannien. Was also bleibt, um die EU angesichts der jüngsten Pegelstände in Sachen britischer Brexit-Befindlichkeit zu beruhigen? Jedenfalls nicht der Kurznachrichtendienst Twitter.

Denn Faull hat dort nur 6859 Follower. Nigel Farage dagegen 319.000.

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