Köpfe

24.04.2017  Von Goldman Sachs zur AfD-Spitze

Was AfD-Frontfrau Alice Weidel mit wirtschaftsliberal meint

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Die Personalwirren der Rechtspartei AfD treiben manchmal skurrile Blüten. Als Landeschefin in Baden-Württemberg ist die Unternehmensberaterin Alice Weidel, 38 und zweifache Mutter in lesbischer Lebenspartnerschaft, also qua Lebenslauf schon in mehrfachem Widerspruch zum Selbst- und Fremdbild der Truppe, an Ralf Özkara gescheitert - seinerseits verheiratet mit einer muslimischen Unternehmerin, deren türkischen Familiennamen er angenommen hat.

"Du hast mich abgeschossen", giftete sie gegen Parteichef Jörg Meuthen, der als Vertreter des wirtschaftsliberalen Professorenflügels gestartet und in parteiinternen Rechtsaußen-Allianzen gelandet war.

Doch das war im März. Jetzt ist April, und Alice Weidel hat den Olymp der Bundespartei erklommen: die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl im Duo mit dem knorrigen Nationalkonservativen Alexander Gauland, als junges Gesicht für die "liberalkonservative Mitte".

"Wirtschaftlicher Sachverstand ist bei der AfD zu Hause", reklamiert die Volks- und Betriebswirtin vom Bodensee, die über Chinas Rentensystem promovierte, sechs Jahre in China lebte, nach dem Studium bei der Investmentbank Goldman Sachs begann, ins Vorstandsbüro von Allianz Global Investors weiterzog und heute Start-ups beim Wachstum berät. Oliver Samwers Firmenschmiede Rocket Internet zählt zu ihren Stationen.

Laut "Zeit" wählte Weidel früher die Grünen und die FDP, wandte sich aber nach dem Ausbleiben der großen Steuerreform von Schwarz-Gelb ab und fand ihre politische Heimat erst in der AfD, die damals als Anti-Euro-Partei unter Volkswirten wie Bernd Lucke und Ex-BDI-Chef Hans Olaf Henkel antrat. Ihr Doktorvater, der inzwischen verstorbene Bayreuther Gesundheitsökonom Peter Oberender, zählte ebenfalls zu den Unterstützern.

Passt irgend etwas nicht zusammen? Hat Weidel sich verirrt, der AfD in ihrem strammen Rechtskurs die Treue zu halten, während ihre Vorbilder von Bord gingen?

Tatsächlich kam sie erst in den Bundesvorstand, als Lucke im Streit mit der inzwischen ebenfalls demontierten Frauke Petry austrat. Luckes Abgang kommentierte sie als "Reflexreaktion eines Verlierers". Sie besetzt einerseits die Rolle als Flügelfrau mit dem Vorsitz des Bundesfachausschusses Euro und Währung, beruft sich auf Institutionen wie die arbeitgeberfinanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die sich oft kaum gegen die Vereinnahmung durch die AfD zu wehren vermögen.

Andererseits passt auch kein Blatt Papier zwischen Alice Weidels Positionen und den Rest der Partei. Als zeitweise Leiterin der Bundesprogrammdiskussion verantwortet sie auch das Gesamtergebnis - mögen ihr manche Beschlüsse zur Familien- oder Hochschulpolitik auch missfallen. Auch ihre Auftritte werden von den Themen Asyl und Islam dominiert.

Auf ihrer Facebook-Seite postet Weidel eine Meldung über die Rettung tausender Flüchtlinge aus Seenot im Mittelmeer während der Ostertage mit dem Kommentar "grenzenlose Verblödung". Über die Deutschtürken zum Erdogan-Referendum: "Darum sollte die fünfte Kolonne dahin gehen, wo es ihr offensichtlich am besten gefällt und wo sie auch hingehört. In die Türkei."

Hinter wirtschaftsliberalen Phrasen verbergen sich oft deutschnationale Gedanken. Stets achtet Weidel darauf, ihre Kritik an Euro, EZB, Steuerpolitik oder der Lage der Sozialversicherungen aus nationalistischen Interessen der AfD-Klientel herzuleiten.

Die dürfe nicht "noch mit ihren Steuergeldern einem Millionenheer von ungebildeten Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika eine Rundumsorglos-Vollversorgung finanzieren", von der EZB zugunsten "maroder Südländer enteignet" und mit "verblödetem Toleranzgeschwätz ausverkauft" werden. Die an anderen kritisierte völkische Schlagrichtung mildert sie mit feinerer Formulierung ab: Brüssel betreibe die "Einschmelzung der europäischen Völker".

Während Weidel der EZB, die Unternehmensanleihen kauft, "Planwirtschaft" und den "Weg in eine Wirtschaftsdiktatur" vorwirft, wäre ihr eine nationale Einflussnahme auf Unternehmen durchaus willkommen - jedenfalls beklagt sie, der Bund lasse zu, dass die meisten Aktien deutscher Konzerne nun in ausländischer Hand sind. "Man wird kaum noch innenpolitischen Einfluss auf die Unternehmen ausüben können."

Die Nation zuerst, heißt die Devise. Auch einem Konzern wie Volkswagen müsse die Regierung im von den USA aufgedeckten Abgasskandal den Rücken stärken - "in der Euro- und Asyl-Krise nötiger denn je".

Koalitionsfähig werde ihre Partei "frühestens 2021", räumt Weidel ein. Für sie ist das politische Projekt aber langfristig, zur Rettung Deutschlands als schlanker Staat, der nur für sich selbst verantwortlichen Individuen einen klaren Rechtsrahmen vorgibt und jeden Verstoß ahndet. Jede Missachtung führt aus ihrer Sicht direkt in den Untergang.

Disziplin ist ihr Leitthema. Und das bedeutet auch innerparteilichen Zusammenhalt um jeden Preis.

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