Mittwoch, 7. Dezember 2016

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Tausende Wohnungen gesucht So lassen Flüchtlinge die Immobilienbranche rotieren

Wohnraumchaos in Hamburgs Szene-Stadtteil "Schanze": Tausende Flüchtlinge setzen Politik und Immobilienwirtschaft zusätzlich unter Druck

Das Schicksal der Flüchtlinge, die nach Europa strömen, ist in diesem Sommer das beherrschende Thema. Ungefähr 800.000 Menschen, so wird prognostiziert, sollen 2015 zum Großteil aus Krisengebieten wie Syrien nach Deutschland kommen. Nicht alle diese Menschen werden bei uns bleiben können - viele von ihnen aber durchaus. Für diese wird also auch langfristig zusätzlicher Wohnraum benötigt.

Was bedeutet das für den deutschen Wohnungsmarkt? Schon die spontane Unterbringung der Neuankömmlinge bereitet zunehmend Probleme. Städte, Gemeinden und Landkreise geraten an ihre Grenzen, wenn es darum geht, die zahlreichen Menschen, die vorwiegend aus dem Nahen Osten nach Deutschland kommen, vorübergehend in Turn- oder Messehallen, Container- oder Zeltdörfern sowie - wie im auf unschöne Weise berühmt gewordenen sächsischen Heidenau - leerstehenden Gewerbeimmobilien unterzubringen.

Wie schwierig die Lage ist, zeigt das Beispiel der Oberbürgermeister im niedersächsischen Salzgitter sowie in Tübingen, die gefordert haben, leerstehende Wohnungen sollten für die Unterbringung von Flüchtlingen beschlagnahmt werden dürfen. Vertreter der Immobilienbranche sowie von Eigentümern wiesen das allerdings schnell zurück. Sie verwiesen darauf, dass jede ungenutzte Wohnung problemlos von der öffentlichen Hand als Heim für Flüchtlinge angemietet werden könne, was ja mitunter auch bereits passiert.

Ein Problem gibt es aber dennoch: Beliebt als Wohnort auch für Neubürger aus anderen Ländern dürften vor allem jene Städte sein, in denen es auch wirtschaftlich aufwärts geht. Dabei handelt es sich vornehmlich um die Metropolen und Ballungszentren im Westen Deutschlands, wie Hamburg, Köln oder München.

Flüchtlingsstrom verschärft Wohnraumknappheit

Genau an diesen Orten ist die Lage auf dem Wohnungsmarkt aber ohnehin bereits angespannt. Viele leere Wohnungen dürften sich dort kaum finden. Im Gegenteil: Seit Jahren weisen Kritiker auf den Mangel an bezahlbarem Wohnraum in solchen Wirtschaftszentren hin.

"Den größten Impuls auf dem Wohnungsmarkt durch den Zuzug auch von Flüchtlingen gibt es ausgerechnet dort, wo ohnehin bereits Mangel an Wohnraum herrscht", sagt auch Michael Voigtländer, Immobilienökonom vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, zu manager-magazin.de.

Anders ist die Lage vielerorts im Osten Deutschlands. Dort gibt es mitunter einen vergleichsweise hohen Wohnungsleerstand, weil insbesondere junge Menschen vielfach ihr Glück anderswo suchen. In Dresden, der Heimat von Pegida, oder Heidenau, das kürzlich tagelang wegen ausländerfeindlicher Unruhen in den Schlagzeilen war, dürften auch Flüchtlinge allerdings nicht nur aus ökonomischen Gründen kaum langfristig sesshaft werden wollen.

Eine konkrete Zahl zur Wohnraumknappheit nannte jüngst die Bundesregierung. In Deutschland müsse angesichts des Zustroms von Flüchtlingen mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden, so Bauministerin Barbara Hendricks (SPD). "Nach neuen Schätzungen brauchen wir mindestens rund 350.000 Wohneinheiten jährlich", sagte sie der "Rheinischen Post". Die Nachfrage treffe auf ohnehin angespannte Wohnungsmärkte, stellte auch die Ministerin fest.

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