Freitag, 1. Juli 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Kreditvergabe Schweizer Initiative plant Banken-Revolution

Schweizerische Nationalbank in Bern: "Geld ist heute ein Produkt des Finanzmarkts"

In der Schweiz steht vielleicht eine kleine Revolution im Finanzsystem bevor: Die von Ökonomen unterstützte "Vollgeld"-Initiative will den Privatbanken die Geldschöpfung verbieten. Das könnte auch den Immobilienmarkt abkühlen.

Zürich - Thomas Jordan, Präsident der Schweizer Nationalbank, ist nicht wohl, wenn er Monat für Monat auf die jüngsten Daten zur Entwicklung am eidgenössischen Immobilienmarkt blickt. Seit 2009 steigen die Preise von Eigentumswohnungen und Eigenheimen kontinuierlich. Mit erschreckendem Tempo.

"Wir sind besorgt", ließ der oberste Währungshüter im Land von Franken und Rappen erst jüngst wieder die Öffentlichkeit wissen. Zuweilen nimmt Jordan sogar das B-Wort in den Mund: "Immobilienblasen können zu einer massiven Fehlallokation von Kapital führen", warnte die Nationalbank wiederholt in Stellungnahmen.

Der starke Preisauftrieb am Wohnungsmarkt im Alpenland ist eine direkte Folge der Finanzkrise. Nachdem im Herbst 2008 die internationalen Kapitalmärkte ins Wanken gerieten, suchten nicht nur Schweizer, sondern auch ausländische Privatanleger Sicherheit im eidgenössischen Beton. Erfolglos hat die Nationalbank den Banken bereits auferlegt, Hypothekendarlehen mit 2 statt zuvor 1 Prozent Eigenkapital zu hinterlegen, um die Vergabe billiger Immobilienkredite einzudämmen.

Im Nationalrat bereiten Politiker seit Monaten einen Gesetzentwurf vor, der Ausländern den Erwerb von Schweizer Immobilien komplett verbieten soll - wobei unklar ist, ob ein solches Gesetz mit internationalem Recht kompatibel wäre.

Hilfe naht der Nationalbank nun von ganz anderer Seite: Eine von Finanzwissenschaftlern und Ökonomen unterstützte Bürgerbewegung will mit der Vollgeld-Initiative das Währungssystem der Alpenrepublik umfassend reformieren. Hat die Volksabstimmung Erfolg, würde sie eine Zäsur in der globalen Finanzgeschichte einleiten: "Die Geldschöpfung in der Schweiz soll allein in den Händen der Nationalbank liegen", fordert der 67-jährige Präsident des Vereins Monetäre Modernisierung, Hansruedi Weber. "So könnte verhindert werden, dass künftig noch einmal Spekulationsblasen entstehen."

Die meisten Schweizer stimmen der Vollgeld-Initiative zu

Der Start zumindest ist gelungen: Erst Anfang des Monats ist die Vollgeld-Initiative gestartet. Bereits jetzt sind 68.000 der für eine Volksabstimmung nötigen 100.000 Unterschriften zusammen. Um die restlichen 32.000 Signaturen fristgerecht zu bekommen, bleiben der Initiative noch 17 Monate.

Würde der Gang an die Urnen derzeit erfolgen, wäre der Erfolg gewiss. Nach einer Umfrage des Zürcher Tagesanzeigers würden gegenwärtig 58 Prozent der Wahlberechtigten für die Initiative stimmen. Lediglich 31 Prozent sind dagegen.

Die klare Meinungsbildung überrascht. Denn die Materie ist hoch kompliziert. Entgegen der landläufigen Meinung wird weder alles im Umlauf befindliche Geld von den Zentralbanken geschaffen, noch sind die Kredite von Banken und Sparkassen vollständig durch Spareinlagen oder Darlehen der Notenbank gedeckt. Vielmehr können die Institute fast unbegrenzt Geld aus dem Nichts schöpfen, weil sie nur einen Bruchteil der von ihnen ausgereichten Darlehen mit Einlagen hinterlegen müssen.

Banken können Geld aus dem Nichts schaffen

Diese Geldschöpfung geschieht dadurch, dass die Banken einem Kreditnehmer ein Darlehen auf einem Girokonto gutschreiben. Der Kunde bringt dieses Bankengeld, das es zuvor nicht gab, in Umlauf, in dem er seine Rechnungen damit bezahlt. "Geld ist heute ein Produkt des Finanzmarkts", sagt Philippe Mastronardi, Professor für Öffentliches Recht an der Universität St. Gallen, der zum Wissenschaftlichen Beirat der Initiative gehört.

Diese unkontrollierte Geldschöpfung verursache immer wieder massive Verwerfungen an den Finanzmärkten, die letztendlich in schweren Wirtschaftskrisen münden würden. "Weil Banken mit Geld Geld verdienen können, schaffen sie immer mehr davon - viel mehr als die Realwirtschaft braucht", sagt Mastronardi. Während eines Wirtschaftsbooms würden die Institute regelmäßig zu viele Kredite ausreichen und damit Spekulationsblasen an den Aktien- und Immobilienmärkten anheizen.

Seite 1 von 3
Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH