Dienstag, 26. März 2019

Immobilienfinanzierung Keine Angst vor steigenden Zinsen

"Verteuert sich Baugeld weiter, werden Häuser und Wohnungen wieder billiger werden" prognostiziert Steffen Sebastian, Professor für Immobilienfinanzierung

Baugeld wird wieder teurer. Viele Familien wollen deshalb jetzt noch schnell ein Haus oder eine Wohnung erwerben. Experten warnen jedoch vor Panikkäufen. Sie wissen: Höhere Zinsen lassen die Immobilienpreise automatisch purzeln.

Hamburg - "Baufinanzierungen: Noch extrem günstig! Jetzt festzurren!", wirbt der Baugeldvermittler Interhyp auf seiner Internetseite. Weniger marktschreierisch formuliert es der Konkurrent Hypothekendiscount: "Realisieren Sie sich jetzt ihren Immobilientraum und sichern sich langfristig Ihren Niedrigzinssatz."

Seit sich die Wogen der Euro-Krise wieder geglättet haben und US-Notenbankchef Ben Bernanke angekündigt hat, die Politik des ganz billigen Geldes zu beenden, haben diesseits und jenseits des Atlantiks die Baugeldpreise angezogen. "In Deutschland ist der durchschnittliche Zinssatz für zehnjährige Annuitätendarlehen seit Mai von 2,31 Prozent auf aktuell 2,72 Prozent gestiegen", sagt Marcus Preu, Geschäftsführer des Verbraucherfinanzportals Biallo.de.

Damit haben sich die Hypothekenzinsen binnen vier Monaten um 17,8 Prozent verteuert. Das klingt dramatisch und weckt nun bei vielen Familien den Wunsch, noch schnell eine Immobilie zu erwerben, bevor Baugeld noch teurer wird. Das zeigt eine Studie des Münchner Bauträgers Euro Grundinvest. 822 der 1000 befragten Haushalte nannten die aktuell noch niedrigen Zinsen als Hauptgrund, um nun ein Eigenheim oder eine Eigentumswohnung zu erwerben. "Der Immobilienboom in Deutschland hält weiter an", sagt Martin Greppmair, Chefprojektentwickler von Euro Grundinvest.

Seit Ausbruch der Finanzkrise sind Immobilien bei den Deutschen heiß begehrt. "Die erste Kaufwelle lösten vermögende Privatanleger aus, die nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 ihre Aktienpakete auflösten und in Miethäuser umschichteten", analysiert Steffen Sebastian, Professor für Immobilienfinanzierung an der Universität Regensburg.

Gleichzeitig sanken die Baugeldzinsen, weil Investoren an den internationalen Kapitalmärkten in Scharen aus Aktien in Bundesanleihen und die ebenfalls als ausfallsicher geltenden deutschen Pfandbriefe flüchteten. Banken konnten ihre ausgereichten Immobilienkredite immer günstiger refinanzieren und senkten im Wettbewerb um die Kunden die Hypothekenzinsen immer weiter. "Das lockte dann auch immer mehr Kleinsparer in den Markt", sagt Sebastian.

Immobilienanbieter hoffen auf steigende Nachfrage

Vor allem in den Ballungszentren stieg die Nachfrage drastisch und trieb die Preise von Eigentumswohnungen massiv in die Höhe. In Großstädten wie Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und München verteuerten sich Immobilien in den vergangenen Jahren um bis zu 60 Prozent. "Hier hat sich eine Blase gebildet", ist Sebastian überzeugt. Und sie könnte sich kurzfristig noch weiter aufblähen: "Etliche Interessenten, die bislang an der Seitenlinie standen, könnten nun in Torschlusspanik überhastet zum Kauf schreiten, weil das Baugeld teurer wird", sagt Sebastian. "Viele dieser Käufer laufen dabei das Risiko, weit überhöhte Immobilienpreise zu zahlen."

Diese Gefahr sieht auch Biallo-Geschäftsführer Preu. Er hat beobachtet, dass manche Immobilienanbieter in den vergangenen Wochen ihre Preisforderungen in Annoncen um bis zu 20 Prozent erhöht haben. "Offenbar spekulieren die Profis darauf, dass mit den anziehenden Zinsen die Nachfrage kurzfristig steigen wird und wollen jetzt noch einmal richtig Kasse machen", sagt Preu. "Käufer sollten sich der Gefahr bewusst sein, dass manche Marktakteure ihnen vollkommen überteuerte Immobilien andrehen wollen", warnt auch Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Denn was Banken, Baugeldvermittler, Projektentwickler und Makler, die mit dem Argument der drohenden Zinswende für den Immobilienkauf werben, nicht verraten: "Verteuert sich Baugeld weiter, werden Häuser und Wohnungen wieder billiger werden", prognostiziert Finanzierungsexperte Sebastian. Denn mit einem nachhaltigen Zinsanstieg sinkt mittelfristig automatisch die Nachfrage nach Immobilien. "Dies zwingt Verkäufer, ihre Preisforderungen zu senken, um ihre Objekte loszuschlagen", sagt Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung