Dienstag, 30. August 2016

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Immobilieninvestments Deflation bedroht Betongold

Betonarbeiter auf einer Baustelle: Die wahre Gefahr für das Geld der Immobilienbesitzer geht nach Ansicht von Experten von einer möglichen Deflation aus

Die Inflationsangst treibt deutsche Anleger in Immobilien. Ökonomen sehen jedoch eine ganz andere Gefahr heraufziehen: die Deflation. Liegen die Mahner richtig, drohen Backstein-Investoren hohe Verluste, weil Mieten, Häuser- und Wohnungspreise dann massiv fallen könnten.

Hamburg - Amerika Anfang der 30er Jahre: Tag für Tag stehen Millionen Menschen in Schlangen vor den Suppenküchen für eine Kelle heiße Brühe. Sie haben Arbeit sowie Häuser und Wohnungen verloren, die letzten Spargroschen aufgebraucht. Sie schlafen in Zelten und unter Brücken. Es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise. In Deutschland sprechen Ökonomen von der Großen Depression. In den Vereinigten Staaten haben die Jahre von 1930 bis 1937 noch einen zweiten Namen: The second Great Deflation - die zweite Große Deflation.

In Deutschland ist es die Inflation, die die Menschen fürchten. Die gewaltige Spirale der Teuerung, die die Reichsregierung 1923 entfachte, als sie immer größere Mengen an Papiergeld drucken ließ, um sich der Schuldenlast des Ersten Weltkriegs zu entledigen. Am Ende kostete das Porto für einen Brief eine Milliarde Mark, ein Laib Brot 100 Milliarden Mark. Doch der Spuk währte nicht lange. Die Währungsreform am 15. November des Jahres beendete die Hyperinflation und bescherte Deutschland in den folgenden Jahren kräftiges Konjunkturwachstum - die goldenen 20er Jahre.

Dennoch hat sich 1923 tief in das nationale Bewusstsein eingegraben. Seit 2008 die Finanzkrise ausbrach und die Notenbanken rund um den Globus mit massiven Kapitalspritzen den Banken zur Hilfe eilten und die Wirtschaft wieder aus der Rezession rissen, ist die Angst vor einer neuen Inflation wieder da. Seither stürzen sich Anleger auf Immobilien, kaufen Eigenheime für sich oder Wohnungen und ganze Mietshäuser als Kapitalanlage. Sie investieren in offene und geschlossene Immobilienfonds oder in Aktien von Branchenunternehmen.

"Viele Deutschen sehen im Backstein den sichersten Tresor für ihr Vermögen", sagt Dieter Thomaschowski, Inhaber des Analysehauses Thomaschowski Research & Advisory. Schulden fürchten jene nicht, die sich gegen die Inflation absichern wollen. Im Gegenteil: "Manche Käufer setzen darauf, dass die Teuerung ihre Kreditlasten pulverisieren wird", weiß der Researcher.

Kredittilgung mit einem Tageslohn

Genau dies war 1923 geschehen. Wenn die Geldmenge wächst, Preise und Löhne immer stärker steigen, lassen sich Darlehen immer leichter tilgen. Wer sich 1921 in Deutschland ein Haus gekauft hatte, konnte den Kredit Ende Oktober 1923 mit einem Tageslohn tilgen. "In der Inflation profitieren die Schuldner und die Gläubiger haben das Nachsehen", erklärt Thomaschowski.

Doch führende Ökonomen sehen derzeit keine Inflation heraufdämmern. Was sie ängstigt ist das genaue Gegenteil: die Deflation. Sollte sie kommen, könnte sie die Hoffnungen all jener, die jetzt aus Furcht vor der Inflation in Immobilien flüchten, zunichte machen. Denn Deflation, das sind Jahre des steten Preisverfalls, weil die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen sinkt. Betriebe müssten dann Mitarbeiter entlassen. Der Konsum würde noch weiter zurückgehen. Firmen müssten erneut Beschäftigte feuern.

Ein Teufelskreis, der sich nur schwer durchbrechen lässt - und auch den Immobilienmarkt herunterreißt: Unternehmen mieten immer weniger Büro- und Ladenflächen an, Menschen ziehen sich in immer kleinere Wohnungen zurück und verlassen das Land. "In der Deflation steigen die Leerstände, während die Mieten und damit die Immobilienpreise fallen", sagt Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum.

Gleichzeitig müssen Immobilienkäufer jedoch die Kredite der Banken weiter bedienen. "Dadurch schrumpfen die Gewinne von Immobilienunternehmen, während private Eigentümer einen immer größeren Teil ihrer rückläufigen Einkommen zur Deckung der Finanzierung aufwenden müssen", sagt Michael Voigtländer, Immobilienökonom am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. "In einer ausgeprägten Deflation zählen Immobilienbesitzer zu den großen Verlierern."

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