Von Oliver Gassmann
Im vergangenen Jahr wurde ich von der Geschäftsleitung einer europäischen Großbank gebeten, ein Seminar zum Thema Innovation zu halten. Die Gründe für die schwache Innovationsfähigkeit des Unternehmens zeigten sich bereits in der ersten Stunde: Zwei Drittel der Teilnehmenden, alles hochrangige Führungskräfte, saßen mit gesenkten Köpfen vor mir und tippten permanent auf ihren Blackberrys herum. Sie versuchten, gleichzeitig im Seminar und in der virtuellen Welt zu agieren.
"Wir haben eine hochresponsive Unternehmenskultur, welche die Agilität ins Zentrum stellt", lautete die Entschuldigung der Manager für ihr unablässiges elektronisches Kommunizieren.
Eine eher schwache Begründung, die zudem darüber hinwegtäuscht, was dieses weitverbreitete Verhalten anrichtet: Wer so an portable Kommunikationsgeräte gefesselt ist, leidet unter halbierter Aufmerksamkeit, mangelnder Reaktivität, Kontrollverlust und dem Gefühl, ständig gehetzt zu sein. Die Folge: Den Betroffenen fehlt es an Ideenreichtum und Initiative. Vermeintliches Realtime-Management wird so zum Kreativitäts- und Produktivitätskiller.
Eine Illusion mit Folgen
Wir leben in einer Realtime-Illusion und stehen immer mehr unter dem Druck, Dinge sofort erledigen zu müssen. Laut dem Berliner Institut für Wirtschaftsforschung arbeiten 60 Prozent aller Führungskräfte stark unter Zeitdruck. Nach empirischen Untersuchungen meiner Harvard-Kollegin Teresa Amabile ist Zeitdruck durchaus mit Kreativität vereinbar, jedoch nur, wenn man sich voll auf eine Aktivität konzentriert. Produktivität und Kreativität gehen verloren, wenn mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigt werden - doch gerade dazu verführen uns die Blackberrys.
© Harvard Business Manager 10/2008
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