Samstag, 16. Dezember 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Streit nach Moody's-Studie Lebensversicherer reif für die Intensivstation?

Patient Lebensversicherung: Die angekündigten Eingriffe der Europäischen Zentralbank, Staatsanleihen in großem Stil aufzukaufen, werden die Unternehmen zusätzlich belasten

Wie gesund sind die deutschen Lebensversicherer? Die einen stellen der Branche ein gutes Zeugnis aus und werfen ihr zugleich vor, sie bringe die Kunden um Gewinnanteile. Andere dagegen warnen vor einer möglichen Pleite vor allem schwächerer Anbieter - dazwischen steht der verunsicherte Kunde.

Hamburg - Über den Zustand der deutschen Lebensversicherer ist erneut Streit entbrannt. Hatte die Ratingagentur Moody's zur Wochenmitte noch vor einer möglichen Pleite vor allem kleinerer Anbieter gewarnt, widersprach der Bund der Versicherten (BdV) der Einschätzung jetzt entschieden.

"Der Branche geht es eher gut", erwiderte BdV-Chef und Mathematiker Axel Kleinlein am Donnerstag. Dabei gilt Deutschlands größte Interessenorganisation für Versicherte keineswegs als glühender Verteidiger der Lebensversicherer. Sie kritisiert aber, dass Unternehmen das schwache Zinsumfeld und damit einhergehende verpflichtende Regeln zur Reservebildung immer stärker für sich ausnutzten - auf Kosten der Versicherten.

Einen Beleg dafür sieht der BdV in der vor wenigen Tagen erschienen Analyse der Unternehmensbilanzen des Jahres 2013. Wie schon im Vorjahr kommt "Öko-Test" zu dem Ergebnis, dass von einer Notlage der Branche keine Rede sein könne.

Öko-Test: Unternehmen bringen Kunden um einen Teil des Gewinns

Die Beitragseinnahmen seien gegenüber dem Jahr 2012 sogar gestiegen, und die Kapitalanlagen der Lebensversicherer hätten im Schnitt eine Nettoverzinsung von 4,49 Prozent erwirtschaftet. Zugleich schlummerten Ende 2013 noch rund 69 Milliarden stille Reserven in den Bilanzen der Unternehmen. Die Branche könne also nicht nur die garantierten Leistungen ohne weiteres erbringen, sondern im Grunde auch ordentliche Überschüsse zahlen.

Tatsächlich fallen die Überschüsse seit Jahren. Die Unternehmen beteiligten die Kunden auch in immer geringeren Maße am Rohgewinn: Habe früher die Quote bei rund 90 Prozent gelegen, sei sie im Branchenschnitt zuletzt auf 63,47 Prozent gesunken, rechnet "Öko-Test" vor.

Einen Grund dafür sieht die Analyse in dem für die Unternehmen verpflichtenden Aufbau der Zinszusatzreserve - eine Art zusätzlicher Puffer oder Reservetopf für schlechte Zeiten. 2013 seien fast 30 Prozent der branchenweiten Rohüberschüsse für die Zinszusatzreserve abgezwackt worden. Dabei sei zweifelhaft, ob die Kunden von diesem zurückbehaltenem Geld jemals etwas wiedersehen würden, kritisiert "Öko-Test". Ende vergangen Jahres war dieser Reservetopf auf rund 20 Milliarden Euro angewachsen.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH