Freitag, 28. April 2017

Lebensversicherer Garantien sichern, Gewinne kürzen

Weniger auf der hohen Kante: Kapitalschwächere Lebensversicherer wollen zeitweise weniger Gewinne ausschütten um ihre Garantieverpflichtungen besser erfüllen zu können

Niedrigzinsen lassen die Finanzpolster der Lebensversicherer schmelzen. In ihrer Not bitten zehn Anbieter die Finanzaufsicht um Hilfe. Experte Hermann Weinmann sagt, was die angestrebte Ausnahmeregelung für Unternehmen und Kunden bedeutet.

mm: Herr Weinmann, im November 2012 schreckte die Nachricht, ein Fünftel der Lebensversicherer könnte wegen der Niedrigzinsen ab 2018 ernsthafte Probleme bekommen. Jetzt bitten offenbar mehr als zehn Anbieter die Bafin, weniger vom Gewinn für die Kunden reservieren zu müssen. Was für ein Signal geht von dieser Nachricht für die Branche aus?

Weinmann: Schlimm, so der erste Aufschrei. Nur halb so schlimm aber bei näherer Prüfung. Es handelt sich um ein proaktives Verfahren, das die Aufsichtsbehörde Bafin im April 2008, also vor der Finanzkrise, präventiv zugelassen hat. Diese Anbieter handeln, weil sie der Gesetzgeber mit der seit 2011 verpflichtend vorgeschriebenen Stärkung der Garantierückstellung dazu zwingt. Außerdem wollen sie ihre Eigenkapitalbasis stärken.

mm: Die Mindestzuführungsverordnung regelt die Beteiligung der Kunden an den Kapital-, Risiko- und Kostengewinnen. Das ist der Bereich der Überschussbeteiligung. Die Deckungsrückstellungsverordnung schreibt die Bildung zusätzlicher Reserven für hohe Garantiezusagen vor. An welche Verordnung wollen die Unternehmen denn jetzt ran?

Weinmann: Es geht um die Mindestzuführungsverordnung. Die zusätzliche Rückstellung für höher verzinste Verträge ist gesetzt, daran lässt sich nicht rütteln, die Unternehmen müssen diese Zinszusatzreserve bilden. Für diesen Fall einer außerordentlichen Erhöhung der Garantierückstellung räumt das besagte Verfahren von 2008 einem Versicherer das Antragsrecht ein, seine Mindestzuführung aus den erzielten Gewinnen an die Versicherungsnehmer um eben diese Erhöhung der Deckungsrückstellung kürzen zu dürfen. Damit stärkt das Unternehmen auf Umwegen auch seine Eigenkapitalbasis.

mm: Haben Sie eine Vorstellung, um welche Anbieter es sich handeln könnte?

Weinmann: In meinen Untersuchungen erlebe ich, dass die meisten Versicherer die Beträge zur Stärkung der Garantierückstellung ausweisen, andere wiederum nicht. Spekulationen zu schüren, ist nicht meine Absicht. Ich kann nur mit ziemlicher Sicherheit feststellen, dass keiner der zwölf größten Lebensversicherer, die ich aktuell untersuche, dazugehören wird. Die Analyse erscheint im September.

mm: Was bedeutet das für die Kunden der betroffenen Unternehmen. Müssen sie womöglich dauerhaft auf einen Teil ihrer Gutschriften verzichten?

Weinmann: Die Kürzung der Gewinnbeteiligung für die Gesamtheit der Versicherungsnehmer darf wie gesagt nur in der Höhe vorgenommen werden, wie die Garantierückstellung zu verstärken ist. Darüber hinaus sind die Versicherungsnehmer weiter an den Gewinnen zu beteiligen. Klar ist aber auch, dass der Topf für die Auszahlung der Gewinne damit vorübergehend um diesen Betrag nicht aufgefüllt wird.

mm: Halten Sie die verpflichtende Zinszusatzreserve für Verträge mit hohem Garantiezins vor diesem Hintergrund noch für angemessen?

Weinmann: Die Zinszusatzreserve beurteile ich grundsätzlich positiv. In Deutschland wird damit die jederzeitige Erfüllbarkeit der Garantieleistungen zementiert. Und wenn die langfristigen Zinsen wieder steigen, kann es auch zur Auflösung der Zinszusatzreserve mit einem gegenteiligen Ertragseffekt kommen.

mm: Welchen Ausweg haben Lebensversicherer noch, wenn sie Gefahr laufen, dass ihre Verpflichtungen ihre Erträge übersteigen sollten?

Weinmann: Gerade durch die Zinszusatzreserve brauchen wir keinen weiteren Ausweg. Und selbst wenn ein Vorstand seinen Aufsichtsrat und die Aufsichtsbehörde über die wahre finanzielle Situation täuscht, haben wir in letzter Konsequenz einen gesetzlichen Sicherungsfonds.

Nachrichtenticker

© manager magazin 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH