Mittwoch, 22. November 2017

Garantiezins von 1,25 Prozent "Die Lebensversicherten werden leiden"

Hat kaum noch Zukunft: Die Anbieter haben auch in diesem Jahr die Überschussbeteiligung für die Lebensversicherung gesenkt

Die Mathematiker der deutschen Versicherer empfehlen, den Garantiezins für Lebensversicherungen auf 1,25 Prozent zu senken. Folgt die Regierung der Empfehlung, steht die klassische Lebensversicherung vor dem Aus, warnt Axel Kleinlein. Der Versicherungsmathematiker und Chef des Bundes der Versicherten rechnet damit, dass weitere Anbieter ihr Geschäft aufgeben müssen - zulasten der Kunden.

mm: Herr Kleinlein, die Aktuare empfehlen für 2015 die Absenkung des Garantiezinses um einen halben Prozentpunkt auf 1,25 Prozent. Halten Sie das für angemessen?

Kleinlein: Nein, eine derartige Senkung ist nicht notwendig. Die Versicherungsunternehmen erwirtschaften zur Zeit mehr als 1,75 Prozent. Daher können wir eine derartige Senkung nicht nachvollziehen. Unternehmen die ängstlich sind, können schon jetzt mit 1,25 Prozent kalkulieren.

mm: Werden Bafin und Bundesfinanzministerium dieser Empfehlung Ihrer Einschätzung nach folgen?

Kleinlein: Das kann im Moment noch niemand sagen. In der Vergangenheit hat sich aber gezeigt, dass das Bundesfinanzministerium auch eigene Wege geht und die Deutsche Aktuarvereinigung nur als beratende Institution ansieht.

mm: Die Empfehlung ist umstritten. Stärkere Anbieter wollten die aktuellen 1,75 Prozent eigentlich beibehalten, schwächere votierten für die Absenkung. Stellt sich die Deutsche Aktuarvereinigung hier in den Dienst der Schwächsten der Branche?

Kleinlein: Wenn es wirklich so sein sollte, dass die Senkung gegen das Votum der starken Unternehmen geschieht, dann ist es tatsächlich ein Votum für die schwachen Unternehmen. Diese können aber schon heute mit 1,25 Prozent kalkulieren. Teilweise kalkulieren aber auch die starken Versicherungsunternehmen nur zum Schein mit dem höheren Satz und mindern den Garantiezins durch Sonderkosten auf einen deutlich niedrigen Zinssatz.

mm: Schon mit 1,75 Prozent hatten Vertriebe kaum noch ein gutes Verkaufsargument an der Hand. Wird mit einem Garantiezins unterhalb der von der EZB angepeilten Inflationsrate ab 2015 das Ende der klassischen Lebensversicherung eingeläutet?

Kleinlein: Ja. Leider werden dann aber die Vertriebe die oft noch erheblich schlechteren neuartigen Produkte vertreiben. Hybridprodukte, Variable Annuities oder das Produkt "Vorsorgekonzept Perspektive" der Allianz werden dann wohl deutlich stärker verkauft werden. Die langen Gesichter der Kunden, die diese Verträge abschließen, sind schon jetzt sicher.

mm: Der neue Garantiezins würde dann ja lediglich für Neuabschlüsse gelten. Rechnen Sie mit weiteren Belastungen für ältere, noch höher verzinste Policen?

Kleinlein: Ja, der Streit um den Umgang mit den Bewertungsreserven ist lang noch nicht ausgefochten, und hier hat ja die Regierung entschieden, nicht für die Verbraucher, sondern für die Unternehmen eintreten zu wollen. Auch in Bezug auf die Zinszusatzreserven befürchten wir eine zu geringe Beteiligung der Kunden an diesen Werten im Falle einer Kündigung. Insgesamt zeichnet sich ab, dass die Unternehmen, auch mit Stützung durch die Aufsichtsbehörde und die Politik, die Kunden weniger an diversen Reserven beteiligen wollen.

mm: So mancher Anbieter hat das Neugeschäft bereits eingestellt, werden weitere folgen? Werden wir mit weiteren Stillegungen und Bestandübertragungen rechnen müssen?

Kleinlein: Auch das ist leider zu bejahen. Die lang erwartete Marktbereinigung wird vermutlich in 2014 endgültig einsetzen. Auch bei derartigen Bestandsübertragungen und Run-Offs sind es die Versicherungsnehmer, die darunter zu leiden haben.

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