Mittwoch, 24. August 2016

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Experte warnt vor Garantiezins-Plänen Wenn die Rente zum Roulettespiel wird

Was Lebensversicherte am Ende herausbekommen, wird immer unsicherer. Dafür sind nicht nur die Niedrigzinsen verantwortlich, sagen Verbraucherschützer.

Lebensversicherer müssen 2015 weitere zehn Milliarden Euro für Zinsgarantien zurücklegen, sagen Analysten. Das belastet die Anbieter, die Aufsicht will sie auch mit neuen Garantiezins-Regeln entlasten. Experten warnen: Altersvorsorge via Lebensversicherung werde damit zum "Roulettespiel".

Die Lebensversicherer in Deutschland werden nach Schätzungen von Fitch Ratings bis Ende dieses Jahres weitere zehn Milliarden Euro zurücklegen müssen, damit sie ihre langfristig garantierten Zusagen auch künftig erfüllen können. So hoch fiel diese seit Ende 2010 gesetzlich verpflichtende Zinszusatzreserve noch nie aus.

Die Rating-Experten gehen davon aus, dass dann erstmals auch Verträge mit einem Garantiezins von 3,0 Prozent auf den Sparbeitrag unter die Zinszusatzreserve fallen und damit bis zu 60 Prozent aller Lebensversicherungen mit einem Garantieversprechen, heißt es in einer am Montag in London verbreiteten Mitteilung.

Sollte es so kommen, wird dieser zusätzliche Kapitalpuffer bis Ende dieses Jahres branchenweit auf rund 31 Milliarden Euro anschwellen - Geld, das für die laufende Überschussbeteiligung fehlt.

Was als stützende Therapie für die Branche und ihre Kunden gedacht ist, könnte kapitalschwächere Anbieter auf mittlere Sicht finanziell aber strangulieren, warnen andere Experten. Rating-Spezialisten von Assekurata rechneten unlängst in einem Extremszenario vor, dass sich die Zinszusatzreserve bis zum Jahr 2024 auf 150 Milliarden Euro summieren könnte. Dann müssten die Anbieter selbst auf die seit Jahresbeginn verkauften Verträge mit 1,25 Prozent Garantiezins zusätzliche Reserven bilden. Dies werde einzelne Lebensversicherer massiv belasten und zu Finanzierungsengpässen führen.

Rätselraten um mögliche Entlastung bei Zinszusatzreserve

Die dem Finanzministerium unterstellte Finanzaufsicht Bafin will den Versicherern nun entgegenkommen. Dabei ist nicht daran gedacht, den Aufbau der Zusatzreserve zeitlich zu strecken, was die Lebensversicherer entlastete und ihre Aktuare unlängst forderten.

Vielmehr sollen nach Worten des neuen Chefs der Versicherungsaufsicht bei der Bafin die Anbieter einzeln eine Erleichterung für 2015 beantragen können. Wie und wieweit die Versicherungsaufsicht diesen Unternehmen entgegenkommen will, sagte Bafin Exekutiv-Direktor Frank Grund am Montag aber nicht.

Das vor wenigen Tagen angekündigte Aus für den einheitlichen Garantiezins (nicht für den Garantiezins an sich!), sei noch nicht ausgemachte Sache, versuchte Grund bei einer Fachkonferenz in Berlin die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Das Bundesfinanzministerium hatte vergangene Woche argumentiert, dass ein einheitlicher unter den neuen, strengeren Eigenkapitalregeln "Solvency II" nicht mehr benötigt würde.

Gewinne alter Verträge könnten unter neuen Garantiezins-Regeln leiden

Käme es so, sei dies der endgültige "Sargnagel" der klassischen Lebensversicherung mit einem lebenslang garantierten, gleichhohen Zins, warnte zuletzt der Bund der Versicherten (BdV). Zugleich aber befürchtet BdV-Chef Axel Kleinlein, dass unter der neuen Regelung die Überschussbeteiligung bestehender klassischer Verträge leiden werde.

Die Unternehmen würden im Neugeschäft dann nur noch Kontrakte mit "intransparenten Tarifen" bewerben und die neuen Produkte attraktiver erscheinen lassen. Würden nur noch Policen ohne Garantien vertrieben, verlören die Versicherer den Anreiz, Altverträgen einen angemessen oder hohen Überschuss zuzuweisen, sagt Kleinlein voraus.

Mehrere größere Anbieter haben sich bereits von der klassischen Lebensversicherung mit lebenslangem Garantiezins verabschiedet. Der Marktführer Allianz Lebensversicherung kündigte zuletzt an, die klassischen Policen zumindest nicht mehr aktiv bewerben zu wollen.

Bund der Versicherten warnt vor Willkür bei der Verrentung

Verschwindet der einheitliche Garantiezins und bieten Versicherer Verträge mit abweichenden Zinssätzen an, werde der Wettbewerb gänzlich undurchschaubar, warnt der BdV-Chef weiter: Die Lebensversicherer erhielten somit weitestgehend freie Hand für die Kalkulation der Renten. Sie müssten nur rudimentär informieren und behielten zugleich das Verrentungsmonopol.

Denn faktisch münde jedes gängige Modell einer mit Kapital gedeckten Altersvorsorge zu Beginn der Rentenphase in einen klassischen Vertrag. Das "Verrentungsmonopol" verbliebe damit bei der Assekuranz.

Die düstere Vorstellung: Schon heute nutze die Branche bei der Kalkulation der Renten ihren Spielraum weidlich aus, indem sie eine zu hohe Lebenserwartung ihrer Versicherten unterstelle. Künftig würden dann auch noch die bislang weitgehend regulierten Zinszusagen im Rentenbezug "zusätzlich der Willkür der Unternehmen" überlassen. Altersvorsorge werde damit zum "Roulettspiel degradiert", argwohnt Versicherungsmathematiker Kleinlein.

mit Material von dpa

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