Donnerstag, 20. September 2018

Krankenkassen "Die Zahl der Kassen wird weiter sinken"

Beide privat krankenversichert: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Herausforderer Peer Steinbrück

2. Teil: "Einige PKV-Anbieter hätten mit der Bürgerversicherung weniger Probleme"

mm: Sieht man von Nuancen ab, sind die parteipolitischen Lager mit Blick auf die Bürgerversicherung klar. SPD, Grüne und Linke befürworten sie, Union und FDP lehnen sie in ihren Programmen ab. Ist die Situation auch bei den privaten Versicherern so eindeutig?

Gorr: Man muss bei der PKV unterscheiden zwischen den guten Grundlagen aus der privatrechtlichen Vertragsgestaltung und dem Kapitaldeckungsverfahren auf der einen Seite und dem, was einige Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren daraus auf der operativen Seite gemacht haben. Im Gegensatz zur GKV, die staatlich strukturiert kaum wettbewerbsrelevanten Spielraum hat, hatte die PKV erheblichen Gestaltungsspielraum. Wenn man heute die Zu- und Abgänge der Versicherten bei den einzelnen Unternehmen analysiert und diese mit den vertraglich garantierten Leistungen spiegelt, kann man sehr schnell eins und eins zusammenzählen: Einige Unternehmen stehen gut da, und andere weniger gut. PKV ist eben nicht gleich PKV. Einige Anbieter lehnen die Bürgerversicherung deutlich vernehmbar ab, auf der anderen Seite stehen Unternehmen, die wohl weniger Probleme mit einer Bürgerversicherung hätten.

mm: Um letztere ist es allerdings verdächtig still. Wie sieht es auf Seiten der gesetzlichen Krankenversicherer aus?

Gorr: Die gesetzlichen Kassen müssen davon ausgehen, dass das Gesundheitssystem bei einer Bürgerversicherung deutlich zentralistischer gestaltet werden wird. Die Krankenkassen würden in diesem Prozess noch stärker auf die Rolle eines Abwicklers reduziert und die staatliche Einheitskasse wäre auf längere Sicht die Folge. Schon heute ist es so, dass die Kassen Zusatzbeträge erheben müssen und Kunden verlieren, wenn sie mit den zugewiesenen Mitteln aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommen. Der Zwang zur Fusion steigt und die Zahl der Kassen wird sich weiter reduzieren. Eine Bürgerversicherung würde diesen Trend nur beschleunigen. Dagegen dürften nur wenige gesetzliche Kassen von einer Bürgerversicherung profitieren.

mm: Das wäre ein Szenario. Ist statt der staatlichen Einheitskasse, wo private Anbieter womöglich nur noch Zusatzversicherungen verkaufen, eine Reform beider Systeme nicht realistischer? Nennen Sie einmal die aus Ihrer Sicht wichtigsten Reformen für die GKV.

Gorr: Für die GKV bräuchte man mehr Wettbewerb und grundsätzlich größere unternehmerische Spielräume. Das bedeutet unter anderem die Wiedereinführung der Beitragsautonomie sowie umfassendere Gestaltungsmöglichkeiten bei den Leistungskatalogen.

mm: Bei zusätzlichen Leistungen überschlagen sich einzelne GKV-Anbieter, hat man aktuell den Eindruck.

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