Dienstag, 18. September 2018

Versicherungsmathematiker Aktuare raten von langen Garantien ab

Weniger Garantie, mehr Risiko: Von herkömmlichen, lebenlangen Garantien wendet sich die Branche zusehends ab.

Mathematiker und Vorstände der Assekuranz raten von lebenslangen Garantien ab. Die Anbieter müssten neue Modelle finden, um im Zinstief zu überleben. Die Beteiligung an den Bewertungsreserven sei "ungerecht", beklagen sie. An der Misere sind die Anbieter aber nicht schuldlos.

Berlin - Lebensversicherer sollten nach Einschätzung der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) ihren Kunden keine lebenslangen Zinsgarantien mehr anbieten. "Wir Aktuare sollten darauf drängen, dass die Unternehmen keine Garantien mehr für ungebrenzte Zeit geben", sagte Johannes Lörper in Berlin. Angesichts der anhaltenden Niedrigzinsen müssten Lebensversicherer darüber nachdenken, neue Garantiemodelle zu entwickeln, erklärte der Chef der berufsständischen Vereinigung der Versicherungs- und Finanzmathematiker am Donnerstag zur DAV-Jahrestagung.

Das könnten zeitlich begrenzte, endfällige oder auch konkret an den Kapitalmarktzins gekoppelte Garantien sein, sagte der scheidende DAV-Vorsitzende, der zugleich Vorstand der Ergo Lebensversicherung ist. Die Ergo und die Allianz wollen im Sommer als erste Anbieter mit entsprechend neuen Produkten auf den Markt kommen.

Die Allianz Leben testet gerade in einer Umfrage unter ihren Kunden die Akzeptanz neuer Garantiemodelle, wie Vorstandschef Markus Faulhaber im Gespräch mit manager magazin online erklärte. Die Absatzstatistik der Branche zeigt allerdings, dass Kunden risikoreicheren Produkten längst den Rücken zugekehrt haben und die klassische, lebenslange Garantie klar bevorzugen.

Die Lebensversicherer garantieren ihren Kunden im Schnitt 3,15 Prozent auf den Sparanteil der Prämie. Die laufende Verzinsung eingedenk Überschussbeteiligung liegt aktuell bei 3,6 Prozent. Die Kapitalanlagen der Lebensversicherer rentierten 2012 nach Angaben des Lobbyverbands GDV mit 4,5 Prozent. Viel Luft also, möchte man meinen.

Nach Einschätzung der Aktuare dürften aber bis zu 0,7 Prozentpunkte der Rendite darauf zurückgehen, dass die Versicherer Bewertungsreserven auf Wertpapiere durch deren Veräußerung realisiert haben, deren Erträge dann in Zukunft fehlen werden. Demnach hätten die Anbieter mit ihren Kapitalanlagen im Schnitt nur 3,8 Prozent Zinsen erwirtschaftet. Das heißt: Eine ganze Reihe Lebensversicherer liegt unter besagten 3,8 Prozent. Insbesondere schwächere Anbieter könnten bei anhaltenden Niedrigzinsen auf längere Sicht Probleme bekommen, den Garantiezins noch zu erwirtschaften, betont die DAV.

Schwächere Anbieter könnten langfristig Probleme bekommen

Die Experten von Standard & Poor's hatten im vergangenen November die Situation für 22 von ihnen bewertete Lebensversicherer noch als entspannt beurteilt. Selbst bei einem Wiederanlagezins von nur 1,5 Prozent bestünde für keinen der Anbieter die Gefahr, dass er in den kommenden fünf Jahren seine Garantieverpflichtungen nicht erfüllen könne, zeigten sich die Experten nach Stresstests überzeugt.

Der Garantiezins für neue Lebensversicherungsverträge beträgt 1,75 Prozent. Die Belastung der Versicherer resultiert aber vor allem aus Altverträgen, die ihren Kunden noch 4 Prozent auf den Sparanteil garantieren. Für diese Verträge müssen die Unternehmen seit 2011 eine Zinszusatzreserve als weiteren Puffer bilden. 2012 waren es fünf Milliarden Euro, für das laufende Jahr rechnen Experten mit einer ähnlich hohen Summe.

Lörper ist davon überzeugt, dass viele Anbieter die verpflichtende Zusatzreserve durch den Verkauf noch nicht fälliger Zinspapiere finanziert haben - also Bewertungsreserven aufgelöst haben. Letztere entstehen, wenn der Marktwert von Kapitalanlagen höher ist als ihr ehemaliger Kaufpreis. Sie stellen damit keine realen Gewinne sondern Buchgewinne dar. Wegen der langen Niedrigzinsphase haben jetzt alle Versicherer hohe Bewertungsreserven auf Zinspapiere in ihren Büchern stehen.

Die Unternehmen müssen ausscheidende Kunden nach höchstrichterlicher Rechtssprechung zur Hälfte daran beteiligen. Von der Versicherungswirtschaft verfolgte Kürzungspläne ließen sich politisch nicht durchsetzen, auch weil Verbraucherschützer sie öffentlich scharf kritisiert hatten. In diesem Jahr regulär auslaufende Verträge hätten bis zu 8000 Euro Verlust hinnehmen müssen, rechneten sie vor.

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