Dienstag, 18. September 2018

Lebensversicherer Riester-Rente stürzt dramatisch ab

Einst Verkaufsrenner: 2012 ist der Absatz von Riester-Policen um 36 Prozent eingebrochen, jener von staatlich geförderten Rürup-Renten um 16 Prozent

Der Verkauf von Riester- und Rürup-Policen ist dramatisch eingebrochen. Assekuranz-Funktionäre reden trotzdem von einem "stabilen Vertrauen" in die Lebensversicherung. In Berlin sangen sie das Lied vom armen Versicherer und verteidigten Produkte, die kaum jemand will.

Hamburg - Sinkende Überschüsse, schleichender Abschied vom Garantiezins, Pleitespekulationen, wegen rechtswidriger Klauseln verurteilte Anbieter, Streit um Bewertungsreserven - an abschreckenden, verunsichernden Nachrichten um die Lebensversicherung mangelte es in der Vergangenheit nicht. Doch Deutschlands größte Vorsorgebranche ist noch glimpflich davongekommen, hat im vergangenen Jahr ihre Beiträge um 0,6 Prozent auf 87,3 Milliarden Euro leicht gesteigert.

Zu erwarten war das nicht. Selbst der Lobbyverband GDV hatte im vergangenen November noch ein Beitragsminus prognostiziert. Dass es jetzt ein kleines Plus geworden ist, kann die Branche nicht zufrieden stellen, wie der neue GDV-Präsident Alexander Erdland am Mittwoch in Berlin einräumte.

Denn der Vertragsbestand errodiert. Und im Neugeschäft haben die Unternehmen mit 8,4 Milliarden Euro 2,6 Prozent weniger eingesammelt als noch im Vorjahr.

Dabei profitierte das Neugeschäft von einem deutlich geringeren Rückgang hoher Einmalbeiträge als erwartet. Sie fließen zu einem Zehntel (2,3 Milliarden Euro) in die Berechnung des Neugeschäfts ein und sind statt der erwarteten 5 Prozent lediglich um 0,7 Prozent gesunken. Obwohl 2012 mit einem Dax-Investment viel Geld zu verdienen gewesen wäre, parkten offenbar viele Menschen ihr Geld lieber mit Einmalbeiträgen in niedrig verzinsten Policen.

Eine herbe Enttäuschung muss vor allem der drastische Einbruch in der staatlich geförderten Altersvorsorge sein: Der Absatz der Riester-Policen ist um 36 Prozent und damit stärker als erwartet gesunken. Zugleich verkauften die Anbieter 16 Prozent weniger Rürup-Renten-Verträge.

Riester-Rente: Anbieter bringen sich selbst um das Kundenvertrauen

Das dürfte weniger auf einen vermeintlich gesättigten Markt zurückzuführen sein, denn der Vorsorgebedarf der Menschen steigt angesichts fallender Renditen und Inflation. Das soll auch eine am Mittwoch veröffentlichte Studie der Ruhr-Universität Bochum belegen. So fehlten dem durchschnittlichen Standardrentner mit lückenloser Erwerbsbiografie zur Lebensstandard-Sicherung künftig 650 Euro. 350 Euro mehr als bislang gedacht.

An Bedarf fehlt es demnach nicht, vielleicht an Einsicht. Ganz sicher aber wird der Vertrauensschwund zum Absturz der staatlich geförderten Policen beigetragen haben. So hat der Bundesgerichtshof in jüngster Vergangenheit fünf große Anbieter, darunter Allianz und Ergo, wegen falsch abgerechneter Verträge nach vorzeitiger Kündigung kritisiert. Die entsprechenden Klauseln erklärten die Richter für unzulässig.

Jenseits dessen wird an diesem Donnerstag das Landgericht Stuttgart darüber urteilen, ob die Allianz kinderreiche und gering verdienende Riester-Sparer durch versteckte Klauseln bei der Gewinnbeteiligung diskriminiert hat. Träfe dies nach Ansicht der Richter zu, was Beteiligte aus einer mündlichen Verhandlung herauszuhören glaubten, erlitte die Riester-Rente einen weiteren Imageschaden.

Dass GDV-Präsident Erdland und Allianz-Leben-Chef Markus Faulhaber, letzterer im GDV für die Lebensversicherung verantwortlich, vor diesem Hintergrund gleichwohl von einem "stabilen Vertrauen" in die Lebensversicherung sprechen, muss man wohl ihrer Funktion zuschreiben. Eine konstant niedrige Stornoquote von 3,48 Prozent, die indes nur das Volumen, aber nicht die Anzahl gekündigter Lebensversicherungen beschreibt, sollte jedenfalls nicht dafür herhalten, sich die Probleme bei Riester und Co. schönzureden.

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