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28. Dezember 2012, 13:41 Uhr

Altersvorsorge

Die 50-Milliarden-Euro-Frage

Von Lutz Reiche

50 Milliarden Euro verlieren Vorsorgesparer jährlich, gut 16 davon allein Lebensversicherte - durch schlechte Produkte und falsche Beratung, behauptet eine Studie. Versicherer, Wissenschaftler und Verbraucherschützer haben Zweifel. Die Verluste sind wohl viel geringer. Das Grundproblem aber bleibt.

Hamburg - 50.000.000.000 Euro sind eine enorm große Summe, die sich der Vorstellungskraft der meisten Menschen wohl entzieht. Noch schwerer vorstellbar ist, dass Vorsorgesparer in Deutschland jedes Jahr um diese Summe geschädigt werden - durch intransparente Produkte und schlechte Beratung, wie der Bamberger Finanzwissenschaftler Andreas Oehler jetzt in einer für die Bundestagsgrünen erstellten Studie behauptet.

Die Kritik an der Vorsorgeindustrie und ihren Produkten ist nicht neu. Sie existiert so lange wie der Staat die kapitalgedeckte Altersvorsorge in Deutschland mit Zuschüssen oder Steuererleichterungen fördert. Auch Hochrechnungen über Vermögensschäden, die Verbraucher im Zuge mangelhafter Beratung erlitten haben sollen, gibt es bereits. Eine im Dezember 2008 veröffentlichte Studie des Bundesministeriums für Verbraucherschutz taxierte sie auf 20 bis 30 Milliarden jährlich.

Jetzt also 50 Milliarden - "konservativ" geschätzt, wie Oehler in seiner Untersuchung, die manager magazin online vorliegt, schreibt. 30 Milliarden Euro gingen dabei auf Fehlberatungen und Produkte des "grauen" Kapitalmarkts zurück, etwa Beteiligungen an offenen Immobilienfonds und geschlossenen Fonds. Weitere 17 Milliarden Euro jährlichen Schaden verankert der Autor bei "Riester"-Produkten (1 Milliarde) sowie Kapitallebens- und Rentenpolicen (16 Milliarden).

Die Monstrosität der Zahlen erstaunt auch Kollegen der Wissenschaft. "Welch eine Inflation", zeigt sich Versicherungswissenschaftler Hermann Weinmann überrascht und fügt mit Blick auf die Zahlen des Ministeriums an: "Mir fehlt der Glaube an die unglaubliche Expansion dieser Schadensvolumina."

Oehler schreckte Vorsorgesparer schon mehrfach auf

Im Gespräch fordert Weinmann wegen der Verunsicherung, die solche Thesen unter den Verbrauchern auslösen, eine gemeinsame Diskussion und Verifikation dieser Zahlen von Wissenschaft, Wirtschaftsverbänden und Verbraucherschutz. Dabei könnte der wissenschaftliche Stab des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung die Federführung übernehmen, schlägt der Professor an der Hochschule Ludwigshafen vor.

Dabei ist der Finanzwissenschaftler Andreas Oehler kein Unbekannter. Um den erneut aufbrandenden Konflikt dieser Tage zu verstehen, lohnt der Rückblick. Oehler sorgte bereits im Jahr 2009 für heftige Kritik in der Versicherungswirtschaft, als er im Auftrag vom Bundesverband Verbraucherzentralen (Vzbv) Versicherungsprodukte mit Bank- und Fondsprodukten verglich - die Policen der Assekuranz schnitten dabei deutlich schlechter ab.

2011 schreckte der Bamberger Wissenschaftler erneut die Lebensversicherten auf, nachdem er die Verluste durch vorzeitige Kündigung anhand einer Auswahl von 1115 von der Verbraucherzentrale Hamburg gelieferten Fällen auf die gesamte Branche hochrechnete. Verglichen mit sicheren Anlageformen wie Bundeswertpapieren hätten die Assekuranzkunden zwischen 2001 und 2010 einen Verlust von 160 Milliarden Euro erlitten.

Dies veranlasste die Verbraucherzentrale Hamburg zu der Feststellung: "Wer eine Kapitallebens- oder Rentenversicherung abschließt, hat schon verloren. Denn drei von vier Kunden müssen später aussteigen. Bei Ausstieg wird der Verlust nur offenbar. Das schlechte Geschäft ist also programmiert. Nicht der Ausstieg oder das Aufgeben kostet also Milliarden, sondern der Abschluss."

"Studie wissenschaftlich nicht fundiert"

Oskar Goecke und Jürgen Strobel vom Institut für Versicherungswesen der FH Köln wandten grundsätzlich ein, dass Liquidität und langfristige Rentabilität konkurrierende Ziele einer Kapitalanlage seien und die fokussierte Beurteilung eines Lebensversicherungsvertrags nach den Rückkaufswerten weder angemessen noch hilfreich sei. Außerdem warfen sie Oehler teils erhebliche methodische Fehler vor. "Die Studie von Oehler kann aus unserer Sicht nicht für sich in Anspruch nehmen, wissenschaftlich fundiert zu sein", lautete das vernichtende Fazit der Professoren.

Zum gleichen Ergebnis kam Map-Report. Der Analysedienst bezifferte die Abschlusskosten der Jahre 2001 bis 2010 auf rund 81 Milliarden Euro - also lediglich die Hälfte des von Oehler bezifferten Schadens. Der zentrale "Fehler" des Bamberger Finanzwissenschaftlers: Anhand der zugrundeliegenden Verträge unterstellte er eine Stornoquote von 6 Prozent im Untersuchungszeitraum, die im Branchenschnitt laut Map-Report aber bei 4,88 Prozent lag. Der Interessenverband GDV beziffert sie sogar mit lediglich 3,8 Prozent.

Da Stornoquoten für gewöhnlich auf Versicherungssummen gerechnet und nicht auf Vertragsstückzahlen werden, ließe sich aus einer Stornoquote insofern auch keine Hochrechnung auf die Zahl der betroffenen Verträge ableiten, bemängelte Map-Report weiter.

Sind die Verluste viel geringer?

Die neuen Berechnungen Oehlers basieren ebenfalls auf den alten Vertragsbeständen der Verbraucherzentrale Hamburg. Mit einem Unterschied: Der Finanzexperte legt, wie er behauptet, nun die Daten des GDV und von Map-Report an. In seinen Hochrechnungen kommt Oehler selbst bei einer Stornoquote von 4 Prozent auf einen Schaden von 16 Milliarden Euro jährlich.

Doch auch die neuen Rechnungen sorgen für Kritik. Zum einen hält der GDV die Auswahl von 1115 Verträgen nicht für repräsentativ, da es sich ausschließlich um Beschwerdefälle handelte. Zum anderen sei der unterstellte Rückkaufswert von 4200 Euro je Vertrag gemessen an den tatsächlichen, durchschnittlichen Versicherungssummen "absolut unrealistisch", kritisiert der GDV. So liege die einmalig einkalkulierte Abschlussprovision bei Policen mit 25 Jahren Laufzeit und 100 Euro Monatsbeitrag für gewöhnlich bei 1200 Euro.

Zudem berücksichtige das Gros der Verträge Oehlers, die seinen Hochrechnungen zugrunde liegen, nicht die neue Rechtslage. Denn mit der Reform des Versicherungsvertragsgesetzes im Jahr 2008 erhalten Kunden in den ersten fünf Jahren der Laufzeit deutlich höhere Rückkaufswerte als bei den Daten des Wissenschaftlers unterstellt. "Der Untersuchung liegen so viele offenkundig falsche Annahmen zugrunde, dass ihre erneute Veröffentlichung wirklich erstaunen muss", ärgert sich GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg von Fürstenwerth.

Ungewohnten Zuspruch erntet der GDV vom Bund der Versicherten. "Ich kann verstehen, dass sich der Lobbyverband beschwert, da zum Beispiel die aktuellen Stornozahlen mit 3,6 Prozent pro Jahr tatsächlich geringer sind als die von Oehler aus der Vergangenheit angenommenen Werte", sagt BdV-Chef Axel Kleinlein. Der GDV beklage daher zurecht, dass Oehler in seinen Berechnungen die Ergebnisse überschätze. Viel weiter reicht der Schulterschluss aber nicht.

GDV taxiert Schaden für Lebensversicherte auf eine Milliarde Euro

So hatte der GDV bereits im März 2012 zur ersten Studie Oehlers vorgerechnet, dass der Wissenschaftler den Schaden um das 16fache überschätze. "Damit bestätigt der GDV also einen jährlichen Schaden von nur einer Milliarde Euro durch Fehl- und Falschberatung als plausibel", folgert Kleinlein.

Doch auch dieser eingeräumte Wert sei alarmierend. "Die Versicherungswirtschaft sollte endlich beginnen, Lösungen für das Problem der Falschberatung anzubieten, anstatt sich in akademischen Streitereien um Milliardenbeträge zu verkämpfen", fordert der BdV-Vorsitzende.

Der Streit um die Altersvorsorge ist nun aber auch akademischer Natur. Dieser erhält um so mehr Gewicht, als aus den widerstreitenden Expertenmeinungen ja durchaus politische Forderungen abgeleitet und Verbraucher in ihrem Verhalten beeinflusst werden können.

So erhebt auch Versicherungswissenschaftler Weinmann Einwände gegen die neue Studie Oehlers. Zwischen den Zeilen lässt er durchblicken, dass der Bamberger Kollege das Geschäftsmodell einer Lebensversicherung nicht richtig verstanden haben könne. So sei es eine zentrale Aufgabe dieser Branche, Risiken des Versicherten zu übernehmen. Etwa für den Todesfall, in dem erhebliche Summen an die Hinterbliebenen fließen können. Auch garantieren die meisten Verträge eine lebenslange Rente.

Problematisch findet Weinmann daher, dass Oehler den Abschluss von Kapitallebens- und Rentenversicherungen erneut mit der kostenfreien Anlage in Bundeswertpapieren vergleicht, ohne eine Korrektur für den Risikobeitrag und die Betriebskosten eines Versicherers vorzunehmen.

Geschäftsmodell der Lebensversicherung nicht kostenlos

Die Organisation des Risikoausgleichs im Kollektiv und in der Zeit sowie die Übernahme des versicherungstechnischen Risikos sind nach herrschender Meinung aber Leistungen, die vergütet werden müssen. Das könne man nicht einfach ausblenden, kritisiert Weinmann und merkt spitzfindig an: "Vielleicht fällt aber dem Autor auch ein neues kostenloses Geschäftsmodell für die Lebensversicherung ein."

"Bemerkenswert" sei zudem, dass Oehler Stornoschäden mit den für die Jahre 2001 bis 2010 geltenden Zinssätzen für Bundeswertpapiere mit 3 Prozent hochrechnet. "Selbst wenn man der irrigen Annahme folgt, dass das Geschäftsmodell der Lebensversicherung nichts kosten darf: Angesichts der heute gezahlten Zinssätze für Bundeswertpapiere ist die Aussage von jährlichen Verlusten von mehr als 16 Milliarden irreführend, da der mit der Studie nicht vertraute Leser den für die Vergangenheit errechneten Wert auch für die Gegenwart und die Zukunft unterstellt", kritisiert der Wissenschaftler.

Kritisch beurteilt Weinmann auch das errechnete Schadenvolumen für den grauen Kapitalmarkt, das auf Angaben der Stiftung Warentest beruht. Dieser Anlageklasse, die laut Oehler mit 30 Milliarden Euro den größten Schaden unter Vorsorgesparern verursache, widmet der Bamberger gerade etwas mehr als ein halbe Seite seiner Studie. Die kolportierte Schadenssumme prüft der Wissenschaftler selbst nicht.

Weg in eine andere Vorsorgerepublik

"Mit Staunen stellt man aber fest, dass die offenen Immobilienfonds, die der Regelung durch das Investmentgesetz und der Aufsicht durch die Bafin unterliegen, in der Studie zu diesem Kapitalmarktsegment gezählt werden und von weiteren Milliardenschäden die Rede ist", moniert Weinmann.

Den anhaltenden Expertenstreit um die Altersvorsorge in Deutschland und auch die Berichte darüber beurteilt Weinmann mittlerweile durchaus (selbst)kritisch: Die Öffentlichkeit habe eine unvoreingenommene Berichterstattung verdient und nicht regelmäßig neue Studien zu den Vermögensschäden der Finanzberatung, sagt er. Nach einer Erklärung befragt, meint der Experte: "Sie ist möglicherweise ganz banal. Vielleicht wird einfach nur eine andere Vorsorgerepublik angestrebt."

Dabei macht der Wissenschaftler aus seiner Überzeugung keinen Hehl - sie ist Konsequenz aus der mehr als zehn Jahre währenden Erfahrung mit der geförderten Altersvorsorge in Deutschland. Dass einfache, kostengünstige Standardprodukte in der staatlich geförderten Altersvorsorge notwendig sind, wie sie die Bundestagsgrünen mittlerweile fordern, steht für Weinmann "außer Frage".


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