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14. November 2012, 14:48 Uhr

Altersvorsorge

Die große Lebensverunsicherung

Von Lutz Reiche, Berlin

Die Lebensversicherung steht im Feuer wie schon lange nicht mehr. Die Zweifel der Versicherten wachsen, das Geschäftsmodell wankt. Der Lobbyverband GDV steuert wortreich dagegen. Die Zahlen aber überzeugen nicht.

Berlin - Ein düsteres Gewitter war in den vergangenen Tagen über die Lebensversicherer niedergegangen. Für "das schwächste Fünftel" der Anbieter bestünden bei anhaltend niedrigen Zinsen "erhebliche Gefahren". Einzelne Unternehmen könnten schon bald den Garantiezins nicht mehr in voller Höhe zahlen, wird im Finanzministerium spekuliert. Selbiges erwäge eine weitere Absenkung der garantierten Zusagen, berichteten Medien.

Das Dementi der Branche folgte prompt. Doch ihre Probleme kann das nicht wegwischen. Der Regulierungsdruck steigt, die Kritik an versteckten Kosten reißt nicht ab, die Vertragsrenditen sinken Jahr für Jahr.

Immer mehr Anbieter flüchten sich in neue Produkte, die auf den lebenslangen Garantiezins verzichten - in Produkte, die kein Verbraucher versteht, die er nicht will, schon gar nicht in wirtschaftlich unsicheren Zeiten, wie auch Zahlen des Branchenverbandes GDV zeigen.

Eine große Lebensverunsicherung macht sich breit. Bei Unternehmen, weil ihnen das über Jahrzehnte eingeübte Geschäftsmodell allmählich entgleitet und weil sie (noch) keine überzeugende Idee für eine neues haben. Bei den Kunden, weil sie sich mit ihrer Lebensversicherung bislang gegen drohende Altersmut gewappnet fühlten, diese Sicherheit jetzt aber schwindet. Eine Lebensversicherung kann die besagte "Rentenlücke" nicht mehr ausgleichen.

Negativschlagzeilen über den Zustand der Lebensversicherung, von denen jeder Deutsche rechnerisch mindestens eine besitzt, rütteln die Menschen hierzulande daher kräftig auf. 70 Prozent der Verbraucher würden heute keine Lebensversicherung mehr kaufen, legte die "BAMS" jetzt nach.

"Kunden sollten nicht vorschnell kündigen"

Düsterste Stimmung also. Da fühlte sich gestern selbst der schärfste Branchenkritiker berufen, die Versicherten vor Kurzschlusshandlungen zu warnen. "Momentan steht kein Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. Die Garantieverzinsung ist sicher. Kunden sollten ihre Verträge nicht vorschnell kündigen oder umdecken", warnte Axel Kleinlein, Chef vom Bund der Versicherten.

Auch GDV-Präsident Rolf-Peter Hoenen versuchte am Mittwoch in Berlin die Wogen zu glätten. An seinem letzten Arbeitstag in dieser Funktion widersprach er der These des drohenden Infarktrisikos von einem Fünftel der Anbieter entschieden.

Die Kapitalanlagen der Lebensversicherer werden laut GDV in diesem Jahr durchschnittlich rund rund 4 Prozent abwerfen. Auch mit ihren Neuanlagen würden die Unternehmen voraussichtlich eine Rendite über dem Garantiezins erzielen - im Branchenschnitt liegt er bei 3,2 Prozent.

"Deswegen sind Sorgen, dass die Lebensversicherer ihre garantierten Leistungen kurz- und mittelfristig nicht mehr erbringen können, unbegründet", betonte Hoenen. Zudem hätten die Lebensversicherer frühzeitig reagiert und die Restlaufzeit ihrer Kapitalanlagen erstmalig auf nun mehr als zehn Jahre ausgeweitet. Die Niedrigzinsphase bleibe aber eine "ernsthafte Herausforderung" für die Unternehmen und eine Belastungsprobe für die Altersvorsorge, so Hoenen.

Gutschrift an Kunden wird sinken - Riester-Rente stürzt ab

Formulierungen wie die letzte könnten Zweifel aufkommen lassen. Zweifel sind im aktuellen Klima aber nicht gut. Nicht für die Stimmung, nicht fürs Geschäft. So sah sich GDV-Funktionär Heinen zu der Aussage veranlasst: "Die Lebensversicherung ist auch langfristig sicher." Die Branche könne "dauerhaft" ein niedriges Zinsniveau aushalten.

"Dauerhaft" ist in diesem Kontext natürlich eine gewichtige Einschätzung, deren Richtigkeit niemand beweisen kann, wohl auch Heinen nicht. Und um weiteren Fragen zuvor zu kommen, schloss er flapsig an: "Es macht jetzt gar keinen Sinn darüber zu spekulieren, welche Folgen 70 Jahre Negativzinsen für die Branche haben könnten."

Um die garantierten Ansprüche der Kunden auch künftig erfüllen zu können, werden die Lebensversicherer ihre Reserven weiter erhöhen. Genauer gesagt: Wegen der vielen Verträge mit 4 Prozent Garantiezins im Bestand sind sie dazu verpflichtet. So wird sich die Zinszusatzreserve in diesem Jahr mit zusätzlichen fünf Milliarden Euro mehr als verdreifachen. Für 2013 rechnet der GDV mit weiteren fünf Milliarden Euro. Überschüsse, die zur Garantiesicherung benötigt werden, stehen für die nächste laufende Überschussbeteiligung nicht zur Verfügung.

"Deshalb sind wir realistisch: Ein anhaltend niedriges Zinsniveau wird zwingend auf die Gesamtverzinsung drücken", bereitete der scheidende GDV-Präsident die Lebensversicherten auf weitere Einschnitte bei der Überschussbeteiligung vor. Eine Prognose für das kommende Jahr wagte Hoenen aber nicht.

Beitragseinnahmen weiter rückläufig - Riester stürzt ab

So wie die Vertragsrenditen erodieren, fallen die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer weiter zurück. Verbuchte die Branche in 2011 ein Beitragsminus von 3,9 Prozent, wird das Minus mit 0,7 Prozent in diesem Jahr noch vergleichsweise moderat ausfallen. Das liegt primär an den umstrittenen, hohen Einmalbeiträgen, die Kunden kurzfristig entschlossen in einen Vertrag einzahlen. Das Minus fällt hier mit 5 Prozent überraschend niedriger aus als im Vorjahr (minus 15 Prozent). Das Geschäft gegen laufenden Monatsbeitrag, das eigentliche Kerngeschäft der Lebensversicherer, stagniert: Das magere Plus von 1 Prozent in 2011 wird sich in diesem Jahr voraussichtlich halbieren.

Dabei gestaltet sich das Neugeschäft immer schwieriger: Die Zahl neuer Verträge fällt in diesem Jahr um 9,6 Prozent auf sechs Millionen zurück. Der Beitrag aus neuen Verträgen rutscht um mehr als 5 Prozent auf 8,1 Milliarden Euro ab, schätzt der GDV.

Stärker noch zeigt sich die Verunsicherung der Kunden bei der Riester-Rente. Hier erwartet der GDV in diesem Jahr einen dramatischen Einbruch von 34 Prozent auf 620.000 verkaufte Policen. Die Schuld für diese Entwicklung vor allem bei den Verbraucherschützern und Medien zu suchen, die das Produkt "mit zum Teil haarsträubenden Behauptungen systematisch diskreditiert" hätten, diese Kritik des GDV-Präsidenten greift zu kurz. Auch Experten jenseits der Verbraucherschutzes monieren schon länger, dass die Transparenz der Riester-Rente stark zu wünschen lässt.

Fast ein Fünftel der Riester-Sparer lassen ihre Verträge ruhen, zahlen dafür keine Beiträge mehr. Dass sie dies auch aus Enttäuschung über schwache Renditen und mangelnde Transparenz tun, dieser Gedanke liegt GDV-Funktionär Norbert Heinen fern. "Ich bin nicht berunruhigt, dass hier etwas schief läuft bei der Riester-Rente", sagte Heinen.

Vielleicht irrt der Mann? Die Allianz wird sich noch im Dezember vor dem Landgericht Stuttgart dafür verantworten müssen, dass sie Geringverdiener nur im Kleingedruckten darüber informiert, dass sie diese nicht an den Kostenüberschüssen beteiligt - Gutverdiener, die mehr in ihren Vertrag einzahlen können, aber gleichwohl. Dass sich Kunden hier zutiefst verunsichert von dem Produkt abwenden, liegt auf der Hand.

Gezwungen, in neue Anlageklassen zu investieren

Dabei nimmt das Bedürfnis der Kunden nach Transparenz und Sicherheit zu. Lag der Anteil der Verträge mit klassischer Garantiezusage an den kapitalbildenden Policen im Jahr 2008 bei knapp 59 Prozent, so stieg er auf 76 Prozent in diesem Jahr. Entsprechend rutschte der Anteil der Fondspolicen, die das Anlagerisiko zum Großteil auf den Kunden abwälzen, von 41 auf 24 Prozent ab.

Dieses klare Bekenntnis der Kunden zur klassischen, lebenslangen Garantiezusage sollte jenen Lebensversicherern, die mit neuen Produkten diese Zusagen auszuhöhlen versuchen, oder deren Vorstandschefs wie Norbert Heinen sich auch für zeitlich begrenzte Garantien einsetzen, eine Warnung sein.

Nicht wenige Experten glauben, dass sich der Wettbewerb eben auch an dieser zentralen Frage entscheiden wird, ob ein Anbieter willens und in der Lage ist, in anhaltenden Niedrigzinsphasen weiter echte Garantieprodukte anzubieten.

Dafür sind die Unternehmen aber gezwungen, noch stärker in Anlageklassen zu investieren, die von der Finanzmarktentwicklung weitgehend entkoppelt sind, einen regelmäßigen und vergleichsweise sicheren Ertrag abwerfen. Hypothekendarlehen oder auch das Engagement in Immobilien sowie erneuerbare Energien und Infrastruktur zählen dazu.

Zweifelsohne sind an dieser Stelle - da liegt der GDV richtig - auch Gesetzgeber und Politik gefragt. Das Verbot der parallelen Finanzierung von Energieerzeugung und -transport ist zu überdenken. Ebenso neue Eigenkapitalregeln (Solvency II), die Investitionen in Energieprojekte nach aktuellem Stand wie Hochrisikoanlagen behandeln.


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