Freitag, 28. April 2017

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Lebensversicherung Versicherte können Milliarden nachfordern

Der Nächste bitte: Der Bundesgerichtshof hat nach dem Deutschen Ring nun auch die Generali wegen unzulässiger Kündigungsklauseln verurteilt

Erneut hat der Bundesgerichtshof einen Lebensversicherer wegen unzulässiger Kündigungsklauseln verurteilt. Millionen ehemalige Kunden können Milliarden nachfordern. Expertin Edda Castello sagt, was zu beachten ist und warum die Verbraucherschützer auch Allianz und Co. vor dem BGH verklagen.

mm: Frau Castello, nach Berechnungen von Verbraucherschützern kündigen drei von vier Lebensversicherten vorzeitig ihre Police. Map-Report hat das für den Zeitraum von 1995 bis 2010 analysiert. Demnach sind es weniger als die Hälfte.

Castello: Unsere These stützt sich auf Zahlen der Deutschen Aktuarvereinigung, die aber schon etwas älter sind. Demnach kündigt über alle Laufzeiten hinweg jeder zweite Lebensversicherte seinen Vertrag vorzeitig. Bei sehr lang laufenden Policen von 30 Jahren und mehr, was die Mehrheit der Verträge ist, liegt die Stornoquote bei 76 Prozent, bei Zwölfjahresverträgen beträgt sie rund 25 Prozent. Je länger die Verträge laufen, desto weniger Kunden halten durch.

mm: Wer seine Police vorzeitig kündigt, verliert Geld. Wie viel im Schnitt?

Castello: Das ist nicht einfach zu beziffern. Die Abschlusskosten, die einige tausend Euro betragen können, verrechnet der Versicherer mit den Beiträgen der ersten Jahre. Als Faustregel gilt, je früher der Kunde kündigt, desto geringer fällt der Rückkaufswert und damit die Rückzahlung aus. Stornoabzüge sind nur noch dann erlaubt, wenn sie explizit vereinbart und angemessen sind. In bisherigen Verträgen ist das nach unserer Ansicht nie der Fall. Das heißt, die Stornokosten muss der Versicherer auf jeden Fall wieder rausrücken.

mm: Geht es präziser, wie hoch können die Verluste ausfallen, wenn der Versicherte in den ersten Vertragsjahren kündigt?

Castello: Das hängt vom Versicherer, der Höhe der Abschlusskosten, dem Zeitpunkt der Kündigung und der Höhe der Versicherungssumme ab. In der Regel sind allein durch Abschlusskosten zwei Jahresprämien verloren. Die Verluste können zwischen einigen hundert und einigen tausend Euro liegen. In einem konkreten Fall, der uns vorliegt, hat der Versicherer der Kundin allein 2100 Euro Stornoabzug in Rechnung gestellt.

mm: Die VZ Hamburg verklagt in diesem Jahr gleich fünf Versicherer wegen ihrer Klauseln zu Rückkaufswerten vor den Bundesgerichtshof. Warum dieser Aufwand? Der BGH hatte ähnliche Klauseln bereits 2005 gekippt.

Castello: Würde sich die Versicherungswirtschaft an das Urteil von 2005 halten, hätten wir keinen Anlass zu diesen Klagen. Der BGH-Spruch seinerzeit betraf die Vertragsgenerationen 1995 bis 2001. Für danach geschlossene Verträge fühlten sich die Unternehmen nicht an das Urteil gebunden und zahlten eben auch keinen Nachschlag für gekündigte Policen. Darum klagen wir gegen Deutscher Ring, Generali, Ergo, Iduna und Allianz.

mm: Im Juli hatte der BGH die Kündigungsklauseln des Deutschen Ring als unwirksam kassiert, in dieser Woche unterlag auch die Generali. Die Frage bleibt: Warum jetzt noch drei weitere Verfahren?

Castello: Unsere Erfahrung zeigt, wenn ein Versicherer vor dem BGH wegen seiner undurchsichtigen Klauseln unterliegt, behauptet der nächste Anbieter, seine Klauseln seien anders, daher transparent und das Urteil für ihn nicht gültig. Uns bleibt im Grunde nichts anderes übrig, als jedes Unternehmen einzeln zu verklagen. Im November geht es beim BGH gegen die Ergo, im Dezember gegen die Iduna und danach gegen die Allianz.

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