Montag, 22. Januar 2018

Problem Niedrigzinsen Lebensversicherer rütteln an den Garantien

Garantiert und langfristig: So soll sich das Geld von Lebensversicherten über die Zeit vermehren. Doch viele Unternehmen haben Probleme

Lebensversicherte spüren die Folgen der Niedrigzinsen empfindlich, die Ablaufleistungen ihrer Verträge fallen weiter. Einzelne Anbieter verabschieden sich von der klassischen Garantie, andere weichen sie weiter auf. Einziger Trost: Noch sind es nur die schwächeren Lebensversicherer.

Hamburg - Nur wenig mehr als 1,6 Prozent Zinsen muss Deutschland derzeit zahlen, will es sich mit Staatsanleihen auf zehn Jahre neu verschulden. Bei zweijährigen Schuldpapieren waren es in der vergangenen Woche gerade noch 0,1 Prozent. Mit den Problemen Spaniens kehrt auch die Angst am Anleihenmarkt wieder zurück, treibt Anleger in den "sicheren Hafen" Deutschland. Nach Inflation machen sie zwar ein Verlustgeschäft, dies spielt derzeit aber nur eine untergeordnete Rolle. Die Schuldenmacher in Berlin mag dies freuen - Großanlegern wie Versicherern ist die Entwicklung aber ein Graus. Und dies nicht erst seit gestern.

Notenbanken überschwemmen den Markt schon länger mit billigem Geld, um Banken und Staaten vor dem Untergang zu bewahren. Sie drücken damit die Renditen von sicheren Unternehmens- und Staatsanleihen in den Keller. Zweifelsohne, deutsche Staatsanleihen sind nicht das Maß aller Dinge. Wer kann, geht bei der Kapitalanlage alternative Wege. Doch beeinflussen sie das Renditeniveau bei festverzinslichen Papieren, in die Versicherer nun einmal den Löwenanteil ihrer Kundenprämien investieren, in hohem Maße.

Lebensversicherte spüren dies seit Jahren. Die Ablaufrendite auf den Beitrag eines zwölf Jahre laufenden Vertrags hat sich seit 2001 auf rund 3,1 Prozent in diesem Jahr fast halbiert - seinerzeit lag sie noch bei rund 6,1 Prozent, analysiert der Branchendienst Map-Report in seiner jüngsten Studie.

Etwas freundlicher sieht es bei lang laufenden Verträgen aus. Sie profitieren von der Hochzinsphase Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre. Seinerzeit lag die Umlaufrendite - also der Durchschnittszins aller am Markt gehandelten deutschen Staatsanleihen - noch bei 8,5 Prozent. Vorausschauende Versicherer saugten sich mit hochprozentigen Papieren voll und konnten so die Gewinnbeteiligung über viele Jahre absichern. Folglich flacher fällt die Renditekurve ab: Ein 30 Jahre laufender Vertrag mit 100 Euro Monatsbeitrag warf 2001 im Schnitt noch 6,2 Prozent Rendite ab. Läuft der gleiche Vertrag in diesem Jahr aus, kann der Lebensversicherte noch 5,0 Prozent Beitragsrendite verbuchen.

Besser als die Renditekennziffer verdeutlicht die Ablaufleistung die Talfahrt der vergangenen zwölf Jahre: Überwies die Branche nach 30 Jahren Laufzeit dem Kunden im Jahr 2001 noch rund 105.000 Euro im Schnitt, sind es in diesem Jahr nur noch 84.000 Euro, hat Map-Report errechnet.

Es kommt immer weniger beim Kunden an

Künftig könnte noch weniger Geld beim Kunden ankommen, denn die Zinswende am Kapitalmarkt ist nach Einschätzung vieler Experten noch lange nicht Sicht. Das Dilemma der Branche: Frisches Geld der Kunden und Erlöse auslaufender Wertpapiere muss sie zu deutlich schlechteren Konditionen anlegen als in der Vergangenheit.

Die langfristigen Verpflichtungen eines vergleichsweise hoch verzinsten Vertragsbestands mit einem garantierten Zinssatz von rund 3,3 Prozent im Schnitt bleiben aber bestehen. Lebensversicherer könnten zwar größere Risiken am Kapitalmarkt eingehen, um ihre Renditechancen zu steigern. Dafür müssen sie künftig aber mehr Eigenmittel vorhalten, was die Bilanz belastet.

Ein Fluchtweg aus dem Zangengriff von anhaltenden Niedrigzinsen sowie zunehmender Regulierung auf der einen Seite und vergleichsweise hohen Garantieversprechen für die Bestandskunden auf der anderen Seite zeigt sich nicht auf.

"Einige Lebensversicherer laufen Gefahr, das versprochene Minimum, nämlich den Erhalt des eingezahlten Kapitals plus Garantiezinsen, nicht mehr erwirtschaften zu können", sagt Andreas Böker, Vorstand der Kanzlei für Vermögensmanagement Böker & Paul.

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