Sonntag, 17. Februar 2019

Private Krankenversicherung Jeder vierte Privatpatient würde wechseln

"Keine Fluchtbewegung": Wenn zuletzt auch rasant fallend, unter dem Strich wechseln noch mehr gesetzlich versicherte Menschen in eine private Krankenkassen als umgekehrt

Angesichts steigender Beiträge wollen offenbar immer mehr Privatpatienten in eine gesetzliche Kasse wechseln - jeder Vierte, schätzen Experten. Obwohl der Gesetzgeber den Wechsel beschränkt, gewinnen große gesetzliche Kassen mehr Privatpatienten als sie Kunden an die Privaten verlieren. Die PKV will von Mitgliederschwund dennoch nichts wissen.

Hamburg - Die Beiträge in der privaten Krankenversicherung steigen bei neu abgeschlossenen Tarifen in diesem Jahr um rund 4,4 Prozent, hat das Analysehaus Morgen & Morgen errechnet. Viele Bestandskunden können über derlei Anpassungen allerdings nur lächeln. Hier langt die Branche deutlich kräftiger zu, mitunter 40 Prozent und mehr schlagen Anbieter in diesem Jahr bei einzelnen Tarifen drauf. Versicherte der Central Krankversicherung zum Beispiel bekommen das besonders zu spüren. Hier klettern die Beiträge im Schnitt um rund 13 Prozent.

Viele Kunden scheinen den Schritt in die PKV bereits zu bereuen. Hilfesuchende Versicherte, die exorbitante Beitragssteigerungen nicht mehr zahlen können oder wollen, wenden sich immer öfter an Verbraucherzentralen. In Bayern zum Beispiel dreht sich mittlerweile bereits jedes vierte Beratungsgespräch darum, berichten Verbraucherschützer.

Auch der Bund der Versicherten berichtet über steigenden Beratungsbedarf. Viele Betroffene wollten am liebsten in die gesetzliche Krankenversicherung wechseln. "Wir schätzen, dass jeder vierte Privatversicherte in die gesetzliche Krankenversicherung wechseln würde, wenn er es könnte", sagt BDV-Vorsitzender Axel Kleinlein im Gespräch mit manager magazin Online.

Die Grenzen dafür hat der Gesetzgeber allerdings eng gesetzt:

• Wer arbeitslos wird, kann problemlos von der PKV in die GKV wechseln. Genauer gesagt: Er kehrt automatisch in eine gesetzliche Kasse zurück.

• Wer als Versicherter jünger ist als 55 Jahre und dessen Jahresbruttoverdienst ein Jahr lang unter der Versicherungspflichtgrenze von 50.850 Euro (4237,50 Euro im Monat) liegt, muss ebenfalls die PKV verlassen, erläutern gleichlautend Sprecher des BdV und der PKV.

• Ab dem 55. Lebensjahr ist der Weg zurück in die GKV nahezu unmöglich. Es sei denn, der Privatversicherte verdient monatlich nicht mehr als 375 Euro und ist mit einem gesetzlich versicherten Partner verheiratet - in diesem Fall kann er sich über die Familienversicherung des Partners in der GKV mitversichern lassen.

• Wer als Privatversicherter allerdings eine gesetzliche Rente bezieht, dem ist der Weg auch bei niedrigsten Einkommen zurück in die GKV versperrt, ergänzt der PKV-Sprecher.

• Kinder, die über ihre Eltern privat mitversichert sind und nach ihrer Ausbildung den ersten Job annehmen, rutschen ebenfalls automatisch in die gesetzliche Krankenversicherung.

TK und Barmer GEK verbuchen Zuwachs von Ex-Privatversicherten

Trotz dieser engen Grenzen scheinen gleichwohl immer mehr Menschen den Weg zurück in die GKV zu suchen - und zu finden. Eine Sprecherin der Techniker Krankenkasse (TK) bestätigt gegenüber manager magazin Online, dass im vergangenen Jahr 68.000 Privatversicherte zur TK wechselten und damit rund 12 Prozent mehr als im Jahr 2010 (61.000). Umgekehrt haben auch TK-Mitglieder die mit 7,9 Millionen Mitgliedern zweitgrößte deutsche gesetzliche Kasse zur privaten Konkurrenz verlassen. Der Wechselsaldo blieb für die TK aber unter dem Strich sowohl im Jahr 2010 (39.500) als auch 2011 (41.000) positiv.

Die Barmer GEK, mit 8,6 Millionen Versicherten die größte gesetzliche Krankenkasse, berichtet gegenüber manager magazin Online von jeweils 28.000 ehemals privat Versicherten, die in den beiden vergangenen Jahren zu ihr wechselten. Wenn zwar auf niedrigerem Niveau als bei der TK, aber auch hier seien die Wechselsalden positiv. Will sagen: Es wechselten mehr Privatversicherte zur Barmer als umgekehrt.

Die Daten der beiden größten Krankenkassen in Deutschland könnten den Eindruck erwecken, die privaten Krankenversicherer verlören trotz enger juristischer Grenzen unter dem Strich Mitglieder an die gesetzlichen Wettbewerber. Dem widerspricht der PKV-Verband entschieden.

Private Versicherer: "PKV gewinnt mehr Kunden aus GKV als umgekehrt"

"Tatsache ist, dass jedes Jahr mehr gesetzlich Versicherte zur privaten Krankenversicherung kommen als umgekehrt", sagt Stefan Reker im Gespräch mit manager magazin Online. Gegenteilige Behauptungen seien "nachweislich falsch". Zwar habe sich der Wechselsaldo im Jahr 2010 gegenüber 2009 auf 74.500 nahezu halbiert. Unter dem Strich aber gewinne die PKV mehr Kunden von den gesetzlichen Krankenkassen als umgekehrt.

Ein Trend ließe sich aus den beiden vergangenen Jahren nicht ableiten, zumal ab dem vergangenen Jahr die Drei-Jahres-Wartefrist für den Wechsel von einer gesetzlichen in ein private Krankenkasse weggefallen ist. Die Zwischenberichte aus den PKV-Unternehmen bis Oktober 2011 zeigten zudem "eine deutliche Belebung bei den Neukunden". Reker ist überzeugt: "Unter dem Strich wird der Wanderungssaldo im vergangenen Jahr auf 80.000 oder mehr ansteigen und damit die Situation für die PKV verbessern." Von einem Ausbluten der PKV könne jedenfalls keine Rede sein.

Dass eine ganze Reihe privater Krankenversicherer aufgrund ihres vergleichsweise alten Versichertenkollektivs Probleme haben und die Beitragsexplosion nicht in den Griff bekommen, ist dennoch nicht von der Hand zu weisen. Gerade mit Blick auf die Jahr für Jahr steigenden Prämien mahnte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) die Branche unlängst, dass in der PKV nicht alles so bleiben könne, wie es jetzt ist.

Besonders lernfähig und reformwillig zeigt sich die Branche aber nicht. Sie sieht sich wegen ihrer Altersrückstellungen von insgesamt 158 Milliarden Euro vielmehr als Zukunftsmodell - jedenfalls in der offiziellen Lesart des PKV-Verbands.

Doch so sicher scheint sich die PKV ihrer Sache nicht zu sein. Im Herbst 2013 wird der Bundestag neu gewählt. Und Forderungen von SPD und Grünen nach einer einheitlichen Bürgerversicherung mit Vollschutz für alle tritt der Verband schon jetzt mit steigender Vehemenz entgegen. Das überrascht nicht: Langfristig würde die PKV dann nicht mehr gebraucht.

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