Donnerstag, 29. September 2016

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Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung Die Allianz lässt den Spion ins Auto

In der Kfz-Versicherung will die Nummer zwei des Marktes jetzt ebenfalls so genannte Telematik-Tarife anbieten. Verbraucher und Datenschützer haben Bedenken

In der Autoversicherung soll die individuelle Fahrweise künftig eine größere Rolle spielen. Nach dem Marktführer Huk-Coburg kündigt jetzt auch die Allianz die Einführung sogenannter Telematik-Tarife an.

Im Zuge dieser Tarife wird unter anderem das Brems- und Beschleunigungsverhalten von Autofahrern ermittelt, um gegebenenfalls die Kosten für die Versicherung anzupassen. Im Ausland sind diese Versicherungen unter dem Werbespruch "Pay as you drive" (Zahle wie Du fährst) bekannt und vor allem in angelsächsischen Ländern verbreitet.

Die Allianz bietet Telematik-Tarife bereits im Ausland an, unter anderem in Italien. "Wir sind der Meinung, dass die deutschen Autofahrer einen Telematik-Tarif annehmen werden, sofern er die Datensicherheit der Kunden sicherstellt und deutliche Vorteile für die Zielgruppe bringt", sagte Allianz-Vorstand Alexander Vollert am Mittwoch. Die Allianz wolle deshalb solche Tarife im kommenden Jahr auch in Deutschland einführen.

Der Wettbewerber Huk-Coburg testet Telematik-Tarife bereits. Mit zusammen mehr als 18 Millionen Verträgen kommen Allianz und Huk auf rund ein Drittel des hart in Deutschland hart umkämpften Marktes für Kfz-Versicherungen.

Andere Wettbewerber stehen in den Startlöchern: So lässt der Direktversicherer der Sparkassen Telematik-Tarife testen und auch die VHV-Versicherung will künftig Telematik-Tarife anbieten - und lockt bereits jetzt mit bis zu 30 Prozent Prämiennachlass bei nachweislich defensiver Fahrweise.

Verbraucherschützer warnen hingegen vor Telematik-Tarifen. Wer tendenziell eher bremst, weil zum Beispiel ein Hund am Straßenrand herumstreunt, könnte durch die aufgezeichneten Daten zu unrecht schnell als unkontrollierter Fahrer abgestempelt werden - mit der negativen Folge steigender Prämien.

Spion fährt mit: Verbraucher- und Datenschützer warnen

Datenschützer wiederum befürchten, dass über Telematik-Tarife eben nicht nur das Beschleunigungs, Brems- oder Kurven-Fahrverhalten des Kunden erfasst werden soll. Dies sei nur die Vorstufe zu einer womöglich breit angelegten Datensammlung. So sehen Daten- und Verbraucherschützer das vernetzte Auto grundsätzlich als Einfallstor für umfangreiche Bewegungsprofile.

Dass "Pay as you drive"-Modelle in der Kfz-Versicherung das bestehende Tarifgefüge hierzulande revolutionieren und schnell ablösen werden, gilt als unwahrscheinlich. So können die Anbieter durch die Vielzahl bestehender Tarifmerkmale das individuelle Risiko bereits jetzt gut abbilden.

Zum anderen sind die Vorbehalte deutscher Kunden, mit einem kleinen Spion im Auto quasi die Autofahrerhosen komplett runterzulassen, im Vergleich zum Ausland noch recht hoch. Da sind viele Fragen offen: Was zum Beispiel fängt der Versicherer mit Daten an, die klar auf ein Verkehrsdelikt ihres Kunden hinweisen? Behörden dürften an diesen Daten ein großes Interesse haben ...

Und noch ein Einwand: Auch wenn sich die Kfz-Prämien zuletzt wieder spürbar erholten, viele Kfz-Sparten der Versicherer arbeiten wegen des harten Wettbewerbs nach wie vor defizitär. Platz für große Preissenkungen besteht da eigentlich nicht. Und je mehr Versicherte mitmachen, desto kleiner muss logischerweise die Ersparnis ausfallen. Jene, die weiter herkömmliche Tarifen wählen, müssen zudem mit stärker steigenden Prämien rechnen.

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