Von Lutz Reiche
Die Kapitalmarktkrisen der vergangenen zwölf Jahre haben die Vorsorgepläne vieler Menschen zunichte gemacht, die Rentenlücke wächst tendenziell. Werden wir als Rentner noch hinzuverdienen müssen?
Weinmann: Da bin ich mir ziemlich sicher, und für meine persönliche Situation möchte ich dies mit 100 Prozent Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht ausschließen. Man denke an den Druck zum Abbau der Staatsverschuldung durch die internationalen Investoren und stelle die Verbindung zu gesetzlichen Renten und Beamtenpensionen her. Die Parlamente entscheiden über das Rentenniveau, und nur der konjunkturelle Höhenflug signalisiert momentan Entwarnung. Deshalb sollte jeder, der auf diese Systeme angewiesen ist, eigene Anstrengungen intensivieren, womit wir wieder bei der Ausgangsfrage sind.
Schmidt: Das steht zu befürchten. Gerade angesichts der demographischen Entwicklung, die ja nichts anderes bedeutet, als dass künftig immer weniger arbeitende Menschen immer mehr Rentner mitversorgen müssen. Ich kann an dieser Stelle nur allen den Rat geben: Je früher Sie Geld anlegen und je längere Laufzeiten Sie bei Ihrer Anlage noch vor sich haben, desto höher ist der Zinseszinseffekt und desto leichter lassen sich Kapitalmarktkrisen verschmerzen. Wer erst spät anfängt vorzusorgen, hat entsprechend kürzere Laufzeiten einzukalkulieren, muss deutlich mehr sparen und spürt Rückschläge viel stärker! Hier ist ein sinnvolles Zusammenwirken zwischen den staatlichen Sozialversicherungssystemen und der eigenverantwortlichen Vorsorge unabdingbar, um künftig steigende Altersarmut zu vermeiden.
Kleinlein: Ob zukünftig noch mehr Rentner im Alter hinzuverdienen müssen, ist eher eine Frage der Sozialpolitik als eine Frage der Finanzmärkte. Nur wenn die Sozialpolitik versagt, ist zu befürchten, dass die kapitalgedeckte Altersvorsorge maßgeblich die existentielle Absicherung im Alter gewährleisten muss. Dann ist aber ernsthaft zu befürchten, dass besonders in Krisenzeiten auch Rentner schwer zu leiden haben. Und das Rentnerdasein währt meist lange genug, dass man mit mindestens einer Krise rechnen muss.
Weber: Das Problem ist doch ganz einfach: ich kann nur das Geld ausgeben, das ich verdient habe - sei es Verdienst durch Arbeit oder Gewinne aus Investitionen. Das soll ja inzwischen auch für Staaten so gelten. Da ich durch Investitionen nur moderate Gewinne erwarten kann, muss ich entweder weniger konsumieren - heute weniger, dann habe ich später mehr - oder mehr beziehungsweise länger arbeiten.
Poweleit: Ich befürchte, dass wir ab 2030 die Hälfte unserer Rentner kaum noch satt bekommen. Über soziale Gerechtigkeit brauchen wir dann nicht mehr plappern.
Laue: Die demographische Entwicklung erfordert flexiblere Lösungen als bisher. Eine Kombination aus Rente und Arbeitslohn ist denkbar. Mit zunehmendem Alter muss aber das Einkommen zugunsten der Rente reduziert werden. Insgesamt sollte aber jedem Bürger klar sein, dass nur eine langfristige und sichere Altersvorsorge zu einem verlässlichen Lebensunterhalt im Alter führt.
Heinen: Dieser Behauptung möchte ich entgegentreten. Die Kapitalmarktkrisen haben den regulären Sparer oft nicht erreicht. Er ist sogar vergleichsweise gut durch diese Zeit gekommen. Betroffen sind diejenigen, die ihr Glück mit Graumarktgeschäften oder windigen Kapitalmarktkonstruktionen versucht haben. Sicherlich sind die Stichworte "Altersarmut" oder "staatliche Zuschussrente" populär. Aber da müssen wir aufpassen. Wir dürfen den Menschen nicht suggerieren, dass ohne Konsumverzicht ein gewünschtes Rentenniveau darstellbar ist.
Rätz: Seit Jahren sinkt in unserer Gesellschaft das Arbeitsvolumen, also die Zeit, die alle Beschäftigten und Selbstständigen zusammengenommen ihrem Beruf nachgehen. Die Nachfrage nach Arbeit ist hierzulande offensichtlich gedeckt. Vor diesem Hintergrund ist es unsinnig, Sicherungsstrategien auf längerer Arbeitszeit aufzubauen. Notwendig ist vielmehr ein System der Einkommenssicherung. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen für alle liegt dazu ein umfassender und gut ausgearbeiteter Vorschlag vor. Die Modelle unterscheiden sich, je nachdem, ob sie in der CDU, bei der Linken, in Attac oder von Unternehmerseite diskutiert werden, aber der Kern bleibt gleich: Jeder Mensch braucht ein Einkommen.
Zschaber: Altersarmut stellt für mich eine der erschütternsten Problematiken des sozialen Vorsorgesystems dar. Sind die derzeitigen Rentenbezieher doch diejenigen, welche durch ihren Mut und Einsatz unseren heutigen Wohlstand erst ermöglichten. Um zukünftig diesen Missstand anzugehen, halte ich es für unabdingbar, auch seitens der Politik, für mehr Aufklärung der Bevölkerung zum Thema Sparen und Kapitalanlage, beginnend schon in der schulischen Ausbildung, zu sorgen. Ungeachtet der Thematik Altersarmut - und aus etwas anderer Sichtweise definiert - erachte ich den Lebensstatus "Rentner" nicht als belastendes Element, sondern als Träger von Erfahrung und Know-how, und somit als volkswirtschaftlich gewinnbringenden Faktor.
Lesen Sie morgen (Mittwoch, 21.12.) in Teil II :
Zu kompliziert, zu teuer, zu renditeschwach - die Riester-Rente steht nach zehn Jahren stärker in der Kritik denn je. Der Wettbewerb versagt offenbar, viele Menschen sind überfordert. Braucht Deutschland eine grundlegende Reform der privaten Altersvorsorge? Würde eine "Positivliste" mit wenigen standardisierten und staatlich bezuschussten Vorsorgeprodukten in Deutschland helfen?
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