Samstag, 22. September 2018

Immobilienboom in Deutschland Je früher die Blase platzt, desto besser

Bauarbeiter in Winnenden, Baden-Württemberg.
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Bauarbeiter in Winnenden, Baden-Württemberg.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Die Bundesrepublik war lange ein Land, in dem man gleichzeitig relativ billig und gut wohnen konnte. Mieten und Immobilienpreise waren im Vergleich zu anderen reichen Volkswirtschaften niedrig, die Qualitätsstandards hoch. Deutsche Wohnquartiere mochten nicht sonderlich elegant wirken, aber sie waren zweckmäßig und bezahlbar.

Und jetzt das: Deutschland erlebt einen Immobilienboom mit Ansage. Irgendwann wird ein übler Crash folgen. Was diesen Hype antreibt, ist seit langem bekannt. Aber über Jahre wollte das kaum jemand zur Kenntnis nehmen.

Die sozialen Folgen der deutschen Immobilienblase sind schon heute drastisch. Für die Mittelschichten ist Wohneigentum in den Städten kaum noch erschwinglich, trotz Niedrigstzinsen. Wo Wohnraum knapp ist, treiben Investoren zusätzlich die Mieten in die Höhe, um überhaupt noch positive Renditen erwirtschaften zu können.

Die wirtschaftlichen Nebenwirkungen der Blase werden erst vollends wirksam, wenn sie geplatzt ist.

Aber der Reihe nach.

Rückblick: Der Stoff, aus dem die Blasen sind

Eine Blase? Viele Ökonomen mögen die Idee nicht, dass Märkte irrational durch die Decke gehen können. Sie haben Schwierigkeiten zu erklären, wie sich solche Übertreibungen bilden. Warum und wann genau sie irgendwann platzen, können sie nicht präzise vorhersagen.

Tatsächlich stehen die Zeichen schon seit Jahren auf Überhitzung in Deutschland. Bereits vor sechs Jahren war das erkennbar: Zwischen 2009 und 2011 waren die Bewertungen für Wohnimmobilien in den sieben größten Städten ("A-Städte") um bis zu einem Drittel gestiegen. Damals war die Dynamik gerade dabei, auf "B-Städte" wie Hannover und Bremen überzugreifen. Sogar in "C-Städten" wie Erfurt, Magdeburg und Rostock begannen die Preise zu steigen.

Die Gründe waren damals die gleichen wie heute: Extrem niedrige Zinsen im Euroraum lockten in- und ausländische Investoren in den deutschen Immobilienmarkt. Eine enorme Nachfrage, getrieben von überschüssiger Liquidität, traf auf ein allenfalls verhalten steigendes Angebot. Das ist der Stoff, aus dem die Blasen sind.

Und ein Ende der Entwicklung war damals nicht absehbar: "Deutschland steht am Beginn einer Phase der Überhitzung", sagte bereits Anfang 2012 Carsten-Patrick Meier, Geschäftsführer des Forschungsinstituts Kiel Economics. "Das ist an vielen Stellen sichtbar, auch auf den Immobilienmärkten." In einer Mittelfristprognose für das manager magazin sagte er vorher, dass der Boom bis 2017 immer weiter an Fahrt aufnehmen würde.

Genauso kam es. Das heißt: Eigentlich kam es noch heftiger.

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