Donnerstag, 5. März 2015

Anlageskandal  Besuch mit Rammbock

Staatlicher Besuch bei S&K: Bilder von der Razzia in Frankfurt
Fotos
Bernhard L. Lacroix

Großrazzia bei der Immobiliengruppe S&K und deren Partnern: Wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue durchsuchen Ermittler bundesweit mehr als 100 Gebäude. Sechs Verdächtige werden verhaftet, der Schaden für Anleger liegt wohl im dreistelligen Millionenbereich. Augenzeugen berichten von entschiedenem Vorgehen der Beamten.

Hamburg - Frankfurt, Kennedyallee 123, Dienstagvormittag, zehn Uhr. Vor der Jugendstilvilla mit den goldenen Firmenschildern am Tor parken beinahe 30 Polizeifahrzeuge. Uniformierte Beamte steigen aus, rücken gegen das Gebäude vor. Einem Augenzeugen zufolge haben die Polizisten auch einen Rammbock dabei - der Hausbesitzer öffnet aber freiwillig.

Die Firma, die unter dieser Adresse residiert, heißt S&K, benannt nach den Initialen der Gründer Stephan Schäfer und Jonas Köller. Laut Eigendarstellung handelt es sich um ein Immobilienunternehmen, das mit dem Handel von Wohn- und Geschäftshäusern zu den großen Playern im deutschen Immobiliengeschäft aufsteigen will. Einen Immobilienbestand mit einem Volumen von über 1,7 Milliarden Euro verwaltet S&K angeblich bereits. Zudem werden laut Website Beteiligungen an Finanzdienstleistern mit Provisionserlösen von rund 100 Millionen Euro pro Jahr gehalten.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt dagegen hat offenbar ein anderes Bild der S&K-Gruppe. Laut Pressemitteilung ermittelt sie bereits seit 2012 umfangreich gegen S&K sowie gegen ein Partnerunternehmen in Hamburg. Bei letzterem handelt es sich um das Fondsemissionshaus United Investors, wie die Polizei Hamburg auf Anfrage von manager magazin online bestätigt.

Der "dringende Tatverdacht", so die Behörde: Die Verantwortlichen sollen über Jahre ein groß angelegtes Betrugssystem installiert haben. Im Rahmen eines "Schneeballsystems" seien fortlaufend Anlegergelder betrügerisch erlangt worden. Den Schaden beziffert die Staatsanwaltschaft auf einen Betrag im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich. "Tausende Anleger" seien betroffen, es gehe um "mehrere Anlagefonds im neunstelligen Euro-Bereich".

Zwei Verhaftungen in Hamburg

Daher also heute der Zugriff: In der Kennedyallee in Frankfurt fuhren laut Augenzeugen im Laufe des Tages zwei Polizei-Lkw vor, um kistenweise Material abzutransportieren. Und das war nur die Spitze des Eisbergs. Insgesamt gab es in ganz Deutschland in Räumlichkeiten der S&K sowie von deren Partnerunternehmen 130 Durchsuchungen. In Hamburg etwa wurden unter anderem zwei Firmensitze des Emissionshauses United Investors sowie zwei Privatwohnungen von Verantwortlichen des Unternehmens gefilzt. Auch eine Steuerberatungsgesellschaft in der Hansestadt erhielt Besuch von den Ermittlern.

Alles in allem waren in sieben Bundesländern rund 1200 Beamte im Einsatz. Der Schwerpunkt der Aktionen lag in Hessen, Hamburg und Bayern, so die Staatsanwaltschaft. Sechs Haupttäter im Alter zwischen 31 (die erste Angabe "33 Jahre" wurde Seitens der Staatsanwaltschaft später korrigiert) und 70 Jahren wurden aufgrund von Haftbefehlen verhaftet. Dabei handelt es sich zum einen um die S&K-Chefs Schäfer und Köller, wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt auf Anfrage von manager magazin online bestätigt. Zudem wurden nach Informationen von manager magazin online zwei Geschäftsführer von United Investors verhaftet sowie zwei Personen, die nicht direkt der Firmengruppe S&K zuzurechnen sind, jedoch zugearbeitet haben sollen.

Auch weitere Beschuldigte wurden vorläufig festgenommen, heißt es. Insgesamt werde gegen etwa 50 Personen ermittelt, darunter auch mehrere Notare und Rechtsanwälte. Zudem wurden bei der Razzia nach Angaben der Justiz Vermögenswerte von über 100 Millionen Euro gesichert, darunter Immobilien, Autos und Konten.

Abfahrt mit quietschenden Reifen

Von der S&K-Gruppe war zu den Vorgängen zunächst keine Stellungnahme zu bekommen. Auch eine Sprecherin von United Investors wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Völlig überraschend geriet die Firma S&K indes nicht ins Visier der Fahnder. Schon länger verfolgen Anlegerschützer und Marktkenner die Aktivitäten der S&K-Gruppe skeptisch. "Es wurde Zeit, dass sich Staatsanwälte der S&K annehmen und deren Geschäftsmodell systematisch unter die Lupe nehmen", sagt etwa Rechtsanwalt Marc Gericke von der Kanzlei Göddecke Rechtsanwälte in Siegburg. "Die fragwürdigen Geschäftspraktiken dieser Immobiliengruppe sind spätestens seit vergangenem November öffentlich."

Gericke spielt damit auf einen Bericht von manager magazin online an, in dem geschildert wird, wie das Unternehmen bei der Bewertung von Immobilien aus dem eigenen Bestand augenscheinlich mogelt und so den eigenen Bestand offenbar künstlich in die Höhe treibt. Zuletzt berichtete manager magazin online zudem vor wenigen Tagen über die Ausbreitung des Unternehmens im Bereich geschlossener Immobilienfonds.

Bemerkenswert: Auch für die S&K-Gruppe selbst kam der staatliche Besuch mit Rammbock möglicherweise nicht ganz unerwartet. Ein Augenzeuge will beobachtet haben, wie am späten Montagabend ein Wagen "mit quietschenden Reifen" vom Grundstück in der Kennedyallee 123 gefahren sei. Das, so der Beobachter, sei sonst nicht die Art der S&K-Leute.

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