Mittwoch, 19. September 2018

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt So bekommen Geldanleger ihre Emotionen in den Griff

Freude, Angst, Wut: Auch Gefühle spielen bei der Geldanlage eine Rolle.

Warum investieren wir unser schwer erspartes Geld an der volatilen Börse? Wieso lassen wir es nicht einfach auf dem Festgeldkonto liegen und erfreuen uns über sein Dasein? Tatsächlich scheinen sich viele Deutsche genau diese Fragen zu stellen. Schließlich kann man an den jährlich erscheinenden Statistiken ablesen, dass die Anzahl der direkten Aktionäre in Deutschland weiterhin im internationalen Vergleich deutlich hinterher hinkt. Große Teile des liquiden Vermögens der deutschen Anleger sind trotz minimalen Zinsen weiterhin im festverzinslichen Bereich investiert. Ein realer Vermögensverlust durch die Differenz zwischen Inflation und Null-Zins wird einfach so hingenommen. Ein irrationales Verhalten?

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Das eigentliche Ziel der Vermögensvermehrung durch geschickte Geldanlage würde jeden Anleger rein logisch zu Investitionen in die Aktienmärkte führen. Dieser Zusammenhang verstärkt sich noch, wenn man realisiert, dass nicht nur die durchschnittliche Rendite höher als im Anleihemarkt ist, sondern auch ab einem gewissen Anlagehorizont die Endergebnisse sogar geringeren Schwankungen unterworfen sind - und somit das Risiko niedriger ist. Soweit die Theorie. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Nur wenigen Anlegern gelingt es, die langfristige Performance der Aktienmärkte verlustfrei ins eigene Portfolio zu transferieren. Diese Tatsache wird durch die DALBAR-Studie Jahr für Jahr eindrucksvoll statistisch belegt. Was sind die Gründe?

Die menschliche Natur gibt kluge Investitionen nicht her

Der Grund liegt in der Natur der Sache. Wir Menschen haben deshalb so lange überlebt, weil unser Gehirn über Jahrtausende hinweg vor allem darauf trainiert wurde, Gefahren zu erkennen und zu vermeiden. Daraus resultierend ist unser Entscheidungsverhalten vor allem von Irrationalität geprägt, denn komplexe Finanzmärkte folgen völlig anderen Gesetzen.

Die Liste der kognitiven Verzerrungen ist lang. Wir überschätzen systematisch unsere Fähigkeiten und sind kaum in der Lage, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Finanzielle Entscheidungen werden aus der Emotion heraus getroffen und sind geprägt von Angst und Gier. Die jeweilige Gemütslage bestimmt unsere Risikoeinschätzung, was zu frühen Gewinnmitnahmen und laufenden Verlusten führt. Mit anderen Worten: Bei Gewinnen agieren wir risikoscheu und bei Verlusten risikofreudig. Gleichzeitig sind Verluste in etwa doppelt so schmerzhaft, wie Gewinne positiv empfunden werden. Das widerspricht jeder ökonomischen Vernunft!

Die Passivierung als eierlegende Wollmilchsau

Als universelle Lösung für unsere evolutionsbiologischen (Investment-) Probleme bietet die Finanzbranche inzwischen verschiedenste Instrumente an. Diese haben die Gemeinsamkeit, dass eine Passivierung des Investors und somit die Vermeidung der angesprochenen Verhaltensweisen versprochen wird. Doch führen uns Robo-Advisor und Exchange Traded Funds (ETFs) wirklich an unser persönliches Anlageziel?

Robo-Advisor scheinen der neue Stern am Investment-Himmel zu sein. Doch wie funktionieren sie eigentlich, was können sie leisten und was nicht? Zunächst einmal erfragen Robo-Advisor die prinzipiellen finanziellen Gegebenheiten des Kunden, Ziele, Alter und Risikobereitschaft. Diese Kombination wird in einen Algorithmus eingetragen, der für eine Strategie, in der Regel mit ETFs, umgemünzt wird. Soweit - so sinnvoll.

Doch ein Grundelement der Finanzberatung können Roboter eben nicht umsetzen: Sie können ebenso wenig dem Kunden dabei helfen, seine langfristigen Ziele, wie auch seine Risikobereitschaft zu definieren. Aus dem simplen Grund, weil sich viele Investoren selbst bei der "Interpretation" wichtiger Definitionen schwer tun. Was bedeutet Kapitalerhalt und Wachstum für den Investor? Welche Rolle spielt die Inflation für seine Überlegungen? Wie definiert der Investor "Risiko" tatsächlich und kann der Markt erwirken, dass sich diese Risikodefinition permanent ändert? Um diese "individualisierten" Definitionen wirklich zu verstehen, braucht es mehr als ein parametergesteuertes Modell. Wie also soll ein Roboter dieses Problem lösen, wenn die Grundangaben möglicherweise schon falsch sind? Der Mensch kann ihm keinen Input geben, der ihm selbst nicht bewusst ist.

Das zweite Problem der automatisierten Lösung zeigt sich dann, wenn die Märkte ihre für sie typische Volatilität zeigen. Der Eingriff in die Strategie, beziehungsweise der Ausstieg ist nämlich weiterhin möglich. Und selbst wenn der Algorithmus dafür sorgt, dass im nächsten Bärenmarkt möglicherweise nur 25 Prozent statt 40 Prozent des Kapitals verloren gehen - der Verlust tut weh! Und der Schmerz wirft uns wieder zurück in unsere Fehlentscheidungen. Ein Roboter ist nicht in der Lage, uns emotional durch Schwankungen zu begleiten.

Auch ETFs, die sich als zweites rein passives Instrument steigender Beliebtheit erfreuen, unterliegen diesem Problem. Die Idee dahinter ist ideal: Wenn wir wissen, dass der Markt an sich gut ist und wir über ein Instrument verfügen, das genau diese Entwicklung abbildet, sind unsere psychologischen Probleme gelöst. Doch auch hier sieht die Realität anders aus. Die größten Abflüsse aus Fonds und ETFs sind in der Realität immer dann zu verzeichnen, wenn die Menschen ängstlich werden. Angst entsteht dann, wenn der Markt stark fällt. Das Ergebnis: Es wird hoch gekauft und tief verkauft. Das passive Instrument wird aktiviert!

Harte Arbeit ist die Lösung

Wenn wir unsere Fehler nicht durch passive Lösungen vermeiden können, wie soll dann die Lösung des Problems aussehen? Die Antwort ist ungemütlich. Da unser Gehirn lebenslang wandelbar ist, können wir lernen, die Kontrolle über unsere unterbewussten Gehirnaktivitäten zu erlangen. Heute schon können Hirnforscher Anlegerverhalten vorhersagen und beeinflussen. Das Problem daran: Die Wandlung erfordert harte Arbeit. Wir müssen Methoden erlernen, die uns helfen, rationaler Entscheidungen zu treffen. Beispiele hierfür gibt es viele, vom Mindfulness Training bis zum bewussten Anstoßen von klügeren Entscheidungen.

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Um diese Fähigkeiten erlernen zu können, müssen wir jedoch verschiedene Hürden überwinden, die in der Praxis sehr schwer sein können. Wir müssen erst bereit sein, uns Fehler einzugestehen. Und wir müssen die Zeit haben, all diese Fähigkeiten zu erlernen. Ist das nicht möglich, ist die Alternative hierzu jedoch keine automatische Lösung, sondern tendenziell eher eine Person an der Seite sein, die uns hilft, durch die Schwierigkeiten des Marktzyklus zu kommen.

Fazit

Der reife Bullenmarkt wartet mit großen Herausforderungen auf die Anleger. Wer denkt, dass er seine emotionalen Schwächen durch einen Robo-Advisor wettmachen kann, liegt falsch. Als Investor muss man mit der Zeit gehen und den technischen Fortschritt zu seinem Vorteil machen. Dabei muss man sich aber bewusst sein, dass die Essenz der erfolgreichen Geldanlage in persönlicher Betreuung liegt, nicht in der Technik selbst. Was man alleine als Mensch nicht schaffen kann, lässt sich mit der Unterstützung von professionellen Vermögensverwaltern besser erreichen. Das absolut grundlegende Problem (Der Aktienmarkt schlägt den durchschnittlichen Anleger um Längen) ist jedenfalls durch eine moderne Erscheinung wie Robo-Advising nicht gelöst.

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