Donnerstag, 21. März 2019

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt Endphase des Bullenmarktes - worauf Anleger jetzt achten müssen

Der Bullenmarkt ist in seiner Endphase, Kurssteigerungen werden nur noch von einzelnen Aktien getragen. Den "Markt" zu kaufen genügt nicht mehr - worauf Anleger jetzt achten sollten.

Wir befinden uns aktuell im finalen Drittel des laufenden Bullenmarktes. Wie wir zu dieser Aussage kommen? Es existieren ausreichend Anzeichen dafür und nein, die zeitliche Länge ist nicht das entscheidende Merkmal. Globale Bullenmärkte starten meist dynamisch, da der vergangene Bärenmarkt sehr günstige Einstiegsmöglichkeiten geschaffen hat.

Endet diese positiv volatile Phase, geprägt von mutigen Käufern, geht es in das mittlere zeitliche Drittel des Bullenmarktes. Dort mangelt es idealtypisch an neuen, kursbewegenden Käuferschichten. Der Zeitraum ist geprägt von einer Seitwärtsbewegung im Chartbild. Regelmäßige Ausschüttungen in Form von Dividenden sorgen maßgeblich bei einer Total-Return-Betrachtung für eine tendenziell leicht steigende Entwicklung. Im Anschluss daran entwickelt sich im letzten Drittel häufig eine wiederum dynamische Endphase des Bullenmarktes, die schließlich in der Euphorie endet.

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Globale Indizes haben diese mittlere Seitwärtsphase in der jüngeren Vergangenheit erlebt. Der Markt ist in seiner Breite gestiegen. Doch nun ändert sich das Bild. Weniger Aktien sorgen für die Fortsetzung des Bullenmarktes - der Markt wird schmaler. Volatilität hingegen nimmt zu.

Die für diese Phase typische Outperformance von den Sektoren Gesundheit und Technologie setzt ein und die Großen schlagen die Kleinen. Dies sind nur vier aus einer Vielzahl von Merkmalen, die im finalen Drittel eines Bullenmarktes zu beobachten sind. Den "Markt" zu kaufen und abzuwarten genügt nicht mehr. Jetzt gilt mehr denn je: Strategie schlägt Bottom-up!

Der "Home Bias" sorgt für Verlierer

Der typische Privatanleger hingegen kauft beim Portfolioaufbau tendenziell Aktiengesellschaften, die in seiner Heimat angesiedelt sind. Bei Firmen, deren Produkte er selbst nutzt oder zumindest kennt, glaubt er, einen Wissensvorsprung zu haben. Dabei vergisst der Investor völlig, dass seine Informationen frei zugänglich sind, von der Börse also längst eingepreist sind. In der Bewertung des Depots wird die Denkweise strukturell fortgesetzt.

Negative Entwicklungen der Heimataktien sind emotional bei weitem nicht so schlimm wie die von ausländischen Firmen. Schließlich "weiß" der Anleger ja, wie gut das Produkt oder das Geschäftskonzept ist und somit auch, dass der Kurs sich sicherlich wieder erholen wird. Auch für diese strukturelle Vorgehensweise unseres Gehirns existiert ein Fachbegriff: "Home Bias".

Menschen mögen Bekanntes. Fremdes erzeugt Unbehagen und Unsicherheit. Hierbei handelt es sich nicht nur um ein Verhaltensmuster der Geldanlage, sondern findet auch Anwendung in vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens. Die Folgen beim Investieren sind jedoch den wenigsten Anwendern bekannt. Eine Ausprägung ist die praktisch zufällige Sektorenauswahl. Übergewichtungen im Depot werden anhand von den heimatlichen Ländereigenschaften und nicht aufgrund von Marktphasen oder -erwartungen ausgebildet. Die Sektorenauswahl ist somit zufällig davon abhängig, wo der jeweilige Investor lebt, ebenso die dazugehörige Performance und Risikoausprägung. Doch worin liegt dann genau das Problem?

Das Volatilitäts-Paradoxon

Anleger fürchten extreme Schwankungen. Diese zwingen Investoren immer wieder dazu, darüber nachzudenken, ob der nächste Bärenmarkt nun da ist und ein Ausstieg sinnvoll wäre. Dummerweise ist der Aktienmarkt voll von Schwankungen. Allein diese Tatsache sorgt schon dafür, dass viele Deutsche den Aktienmarkt meiden.

Die langfristige, überlegene Rendite von global diversifizierten Aktien ist darüber hinaus keine Kombination einer linearen Entwicklung Jahr für Jahr. Extreme Renditen, positiv wie negativ, sind die Regel, nicht die Ausnahme. Umso mehr verwundert es doch, wenn Anleger, die Schwankungen fürchten, den um einiges volatileren Heimatmarkt der globalen Aufstellung vorziehen.

Durch diese Entscheidung werden die Hürden im laufenden Bullenmarkt deutlich erhöht, die den Weg hin zu aktienmarktähnlichen Renditen kreuzen. Den Beweis für diesen Zusammenhang liefert der Markt gerade selbst in der aktuellen Underperformance des DAX, in dem die bevorzugten Sektoren Gesundheit und Technologie unterrepräsentiert sind. Eine Tatsache, die vielen deutschen Anlegern ziemliche Bauchschmerzen bereiten dürfte. Auch wenn ein Teil der Investoren diese schwierigen Entscheidungen überstehen mag - ein Großteil bleibt an irgendeiner Stelle auf der Strecke. Da stellt sich doch die Frage: Warum den beschwerlichen Weg wählen, um ans (Anlage-) Ziel zu kommen, wenn es doch auch einfacher geht?

Keine Angst vor der Währung!

Eine der beliebtesten Erklärungen für die Wahl des Heimatmarktes ist das Währungsrisiko. Die Argumentation baut hierbei auf die zusätzliche Volatilitätskomponente der Fremdwährung, deren Timing extrem schwierig ist. Tatsächlich kann man bei der Anlage in fremde Währungsräume diverse Fehler begehen. Eine starke Übergewichtung des persönlichen Lieblings kann zu ähnlichen Problemen führen wie die übermäßige Wahl des Heimatmarktes. Ein "Währungsmanagement" ist notwendig. Wird dies jedoch gut diversifiziert durchgeführt, gleichen sich die währungsbedingten Schwankungen auf lange Frist aus. Somit handelt es sich also eher um eine besondere Komponente der Volatilität, kurzfristig bedeutsam. Wer jedoch kurzfristig in den Aktienmärkten investiert ist, dürfte sich eher als Spekulant denn als Investor bezeichnen.

Ein weiterer Fehler wird bei dieser Argumentation begangen. Interessanterweise glauben Anleger, die überwiegend Werte aus dem Euro-Raum im Portfolio haben, dass sie das Währungsrisiko vermeiden. Würden sie jedoch einmal einen Blick auf die Umsätze und deren geografische Verteilung der von ihnen auserwählten Aktien werfen, würden sie schnell eines Besseren gelehrt. Doch nicht nur die Erträge bewegen sich häufig überwiegend in Fremdwährungsräumen. Auch die Produktion, zumindest bei einem Großteil der Firmen, findet in solchen statt. Somit wirken Fremdwährungen auch auf Portfolios, die sich ausschließlich im Euro-Raum bewegen. Das Fremdwährungsrisiko besteht somit weiterhin, durch die eingeschränkte Auswahl der Depot-Bestandteile ist jedoch ein höheres Gesamt-Portfoliorisiko gegeben.

Fazit

Das finale Drittel des Bullenmarktes zeigt sich aktuell in vielen seiner idealtypischen Ausprägungen. Damit steigt auch die Angst, dass die Hausse irgendwann vorbei sein könnte. Diese Sorgen verführen gerade dazu, den sicheren Hafen des Ausstiegs zu wählen.

Ergebnis: Die dynamische Endphase und somit ein großer Teil der Gesamtrendite des Bullenmarktes wird verpasst. Der Markt wird enger. Allen heimatverbundenen Investoren macht der Markt es gerade besonders schwer. Und wieder einmal zeigt sich: Strategie schlägt Bottom-up.

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Bewertungskennzahlen einzelner Aktien waren noch nie ein ausreichender Indikator, um die zukünftige Performance vorherzusagen. Die Marktphase, Sektoren- und Ländergegebenheiten, sowie politische, wirtschaftliche und sentimentbezogene Einflussfaktoren spielen eine mindestens genauso große Rolle für die zukünftige Entwicklung. Daher machen Sie sich den Weg einfacher. Investieren Sie global diversifiziert und mit Strategie. Das Ergebnis werden weniger Sorgenfalten sein, auf dem Weg zum dynamischen Finale des laufenden Bullenmarkts.

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