Samstag, 20. Oktober 2018

Größter Anlageskandal Deutschlands Wie bei P&R eine Million Container verschwinden konnten

Container gesucht: Wie konnte bei P&R eine Lücke von einer Million Boxen im Bestand entstehen?

54.000 Anleger, die um ihr Geld bangen. 3,5 Milliarden Euro von diesen Investoren, die insgesamt in Gefahr sind. Zudem, wie seit dem heutigen Donnerstag klar ist, nicht weniger als eine Million Container (tatsächlich 1.000.000 Stahlboxen!), die über Jahre an Anleger verkauft wurden, obwohl es die Behälter gar nicht gibt. Und damit vermutlich mehr als zwei Milliarden Euro, die die Investoren wohl abschreiben müssen und nicht wieder sehen werden: Der Anlageskandal um die Münchener P&R-Gruppe sprengt alle Dimensionen, die im an Skandalen und Affären wahrlich nicht armen grauen Kapitalmarkt Deutschlands bisher bekannt waren.

Die Frankfurter Immobilienjongleure von S&K, der Genussrechte-Flop von Prokon, selbst die Riesen-Abzocke der Göttinger Gruppe in den 1980er, 90er und 2000er Jahren - sie alle kommen nicht an die Schadenssumme heran, die bei P&R im Raume steht.

Seit dem heutigen Donnerstag ist es zudem womöglich ein Betrugsskandal ebenso gigantischen Ausmaßes - die Staatsanwaltschaft München hat Ermittlungen in diese Richtung aufgenommen.

Die Geschichte beginnt vor einigen Jahrzehnten: 1975 gründet Heinz Roth die P&R-Gruppe, die schnell zu einer beachtlichen Größe am grauen Markt wird. Das Geschäftsmodell: Das Unternehmen verkauft Container an private Investoren, denen zugleich der Rückkauf zu einem fixen Preis in Aussicht gestellt wird. Zudem vermietet P&R die Stahlboxen an Leasinggesellschaften weltweit, die sie wiederum Reedereien zur Verfügung stellen. Dafür kassieren die Investoren regelmäßige Mieteinnahmen.

Ein simples und einträgliches Geschäft, wie sich zeigt: P&R dreht im Laufe der Jahre ein immer größeres Rad. Über die Jahrzehnte steckten insgesamt 60.000 Anleger zusammen fünf Milliarden Euro in die Offerten der Geldanlagefirma, so noch bis vor Kurzem die Eigendarstellung auf der Unternehmenswebsite. Die Investorengelder sprudeln also, und mit ihnen wächst der Containerbestand - jedenfalls auf dem Papier.

In der Praxis gibt es unter Marktteilnehmern und Beobachtern seit Jahren kritische Stimmen, die die Validität des P&R-Geschäftsmodells anzweifeln. Die Gruppe agiert mit verschiedenen Tochterunternehmen im In- und Ausland, bewegt Milliardensummen und gigantische Containerbestände, doch echte Klarheit über die wirklichen Finanzströme im P&R-Reich gibt es kaum.

Spätestens seit dem heutigen Tag ist klar: Die Skeptiker lagen wohl richtig. Nachdem alle wichtigen Gesellschaften der P&R-Gruppe vor einigen Wochen Insolvenz angemeldet hatten, nahm sich der Münchener Rechtsanwalt Michael Jaffé mit einem Kollegen als vorläufiger Insolvenzverwalter der Sache an. Die Analyse der Juristen förderte einen traurigen Tatbestand ans Tageslicht, den Jaffés Kanzlei am heutigen Donnerstag öffentlich machte: Über vier Tochterfirmen verkaufte P&R bis zur Insolvenz im März insgesamt 1,6 Millionen Container an 54.000 Anleger. Den Büchern des Unternehmens zufolge verfügt P&R jedoch lediglich über einen Bestand von exakt 618.000 Containern.

Das heißt im Klartext: P&R hat etwa eine Million Container verkauft, die es gar nicht gibt.

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